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Liebe als Priorität, ohne sich dafür aufzugeben
Ausgabe 48 - winter 2005/2006Astrid Gruber sprach für matices mit Gioconda Belli über ihren jüngsten Roman Das Manuskript der VerführungWann und wie haben Sie entdeckt, dass Johanna die Wahnsinnige nicht wahnsinnig war?Ich hatte bereits meine Zweifel. Während meiner Nachforschungen für den Roman konnte ich sie bestätigen. Je mehr ich mich in die historischen Tatsachen und Umstände Johannas vertiefte, desto überzeugter wurde ich davon, dass Johanna ein weiteres Opfer war. Ein Opfer der Vorurteile, die allzu oft leidenschaftliche und starke Frauen für wahnsinnig erklären. Wie Lucía, Ihre Protagonistin, besuchten auch Sie in Spanien eine Klosterschule und beschäftigten sich mit Johanna der Wahnsinnigen. Wollten Sie von Anfang an Johanna in den Mittelpunkt stellen?Während ich in Madrid zur Schule ging, kannte ich nur die Legende über den Wahnsinn Johannas. Der Roman, den ich schreiben wollte, sollte mehr von meiner Erfahrung im Kloster in Madrid handeln, als von Johanna der Wahnsinnigen. Erst während des Schreibens kreuzte sie als Figur meinen Weg, und der Roman nahm seine aktuelle Form an. Durch meine Recherchen konnte ich mich in die Ungerechtigkeit hineinversetzen, mit der die Geschichte sie behandelte. So kam ich auf die Idee, ihr Gerechtigkeit zu verschaffen und die Geschichte noch mal aus weiblicher Perspektive zu erzählen. Gibt es Parallelen in Ihrem Charakter und dem Johannas?Ich identifiziere mich mit der Rebellion Johannas, mit ihrer Weigerung, sich selbst zu verleugnen, um den gesellschaftlichen Erwartungen zu entsprechen. Ich identifiziere mich mit ihrer Verteidigung der Liebe. Ihre Recherchen haben drei Jahre gedauert. Was war die Erfahrung, die Sie am meisten beeindruckt hat? Ich habe bemerkt, dass die Umstände sich ändern, aber die Gefühle und Leidenschaften des Menschen eine unveränderliche Konstante in der Geschichte sind. Was ging Ihnen durch den Kopf, als Sie in Spanien die Orte besuchten, an denen Johanna lebte? An diesen Orten stellte ich mir sie und ihre Verzweiflung vor, ihre Einsamkeit, ihre Hilflosigkeit. Es war eine Erfahrung voller Gefühle für mich. Ich spürte trotz der vielen Jahrhunderte zwischen uns, dass Johanna eine Frau war, mit der ich mich zusammengesetzt hätte, um zu erzählen und mit der ich mich sehr gut verstanden hätte. Weiblichkeit als Stärke und nicht als Schwäche ist sehr wichtig für Sie. Welches sind Ihrer Meinung nach die Eigenschaften der Frau, die ihre Macht ausdrücken?Ich denke, dass die Macht der Frau paradoxerweise in der intimen Beziehung zwischen Biologie und Spiritualität wohnt. Wir können uns nicht von unserem Körper trennen, und auch nicht so tun, als wäre das möglich. Deshalb suchen wir die Integration, die Harmonie zwischen Körper und Geist und bejahen unsere Verbindung zur Natur. Der Mann versucht sie zu verneinen, indem er sich über die biologischen Prozesse stellt. Die Sexualität, für die wir seit der Genesis bestraft werden, ist eine ungeheuerliche Kraft. Man hat uns genötigt, sie zu verneinen, zu unterdrücken, weil man Frauen Sexualität als gefährliche Macht zuschreibt. Es liegt an uns, der Sexualität eine neue Bedeutung zu geben, sie als Stärke anzusehen. Und uns stolz auf das zu fühlen, was uns als Frauen definiert. Inwiefern ist Johanna eine archetypische Frau und gleichzeitig eine moderne Frau?Sie ist archetypisch, weil sie versucht, der Liebe eine privilegierte Position in ihren Prioritäten einzuräumen. Sie ist modern, weil sie nicht den Preis zahlen möchte, sich aufzugeben wegen der Liebe. Johanna wurde verrückt, weil sie der Machtbesessenheit ihres Mannes, ihres Vaters und ihres Sohnes zum Opfer gefallen war. Sie hätte die Macht an sich reißen können. Warum ist Johanna Ihrer Meinung nach trotzdem eine schlaue Frau?Johanna bemerkte, was man mit ihr im Schilde führte und entschied sich bewusst dafür, ihren Vater und ihren Sohn zu protegieren. Es wäre sehr schwierig für sie gewesen, angesichts der Zeit, in der sie lebte und ihrer ungünstigen Umstände, eine andere Entscheidung zu treffen. Sie hätte es vielleicht gemacht, wenn Macht ihr Ziel gewesen wäre, aber ihr ging es nicht darum. Macht assoziierte sie mit all dem, was ihr das Unglück eingebracht hatte. Wäre es nicht klüger gewesen, sich gegen ihre Eltern zu wehren und das Erbe zu übernehmen, um eine bessere Herrschaft für das Volk gewährleisten zu können? Ich glaube, ihr war klar, dass die Macht zu übernehmen, einen Krieg mit ihrem Vater und ihrem Sohn bedeutet hätte. Sie war sich dessen bewusst, dass sie in einer solchen Auseinandersetzung angesichts der Umstände die Verliererin gewesen wäre. Ich denke nicht, dass sie da so falsch lag. Die Situation muss schrecklich gewesen sein, als ihr klar wurde, dass sie keine andere Wahl hatte. Die Beziehung zwischen Lucía und Manuel in der Rahmenhandlung könnte beim Leser offene Fragen hinterlassen. Lucía scheint verliebt in das Verliebtsein zu sein und Manuel scheint in der jungen Frau nur Johanna zu sehen und zu lieben. War es Ihre Absicht, der brennenden Liebe zwischen Johanna und Philipp eine weniger tiefgehende, eher gewöhnliche Liebe gegenüber zu stellen?Die Beziehung zwischen Lucía und Manuel ist als Spiegel zur Beziehung zwischen Johanna und Philipp konstruiert. Im Roman wird genau der Effekt dargestellt, der die Beziehung des historischen Pärchens auf Lucía und Manuel hat. Ich versuche, eine Metapher darauf zu machen, wie oft wir in der Gegenwart, ohne es zu merken, die Dramen wiederholen, die in unserem kollektiven Unbewussten liegen. Johanna wird in Kommentaren über Das Manuskript der Verführung oft als äußerst eifersüchtig beschrieben. Johanna rächt sich an der Geliebten Philipps am Hof, indem sie ihr die langen roten Locken abschneidet. War es Eifersucht oder eher die Wut über die Respektlosigkeit ihres Mannes?Vergleicht man die Handlungen eifersüchtiger Männer, die oft sogar darin enden, dass der Betrogene den Geliebten der Frau umbringt, verdient die Tatsache, dass Johanna der Nebenbuhlerin die Haare abschneidet, nicht die Interpretation des Hofes zu der Zeit. Man benutzte diese Episode, um zu beweisen, dass sie wahnsinnig war. Für mich war es eine Handlung aus Leidenschaft, aus Wut. Im Roman wird beschrieben, dass Johanna sich zeitweise mit Maurinnen umgibt, die sie einparfümieren und massieren, auch auf erotische Weise. Beruht dies auf historischen Tatsachen? Falls nicht, warum haben Sie diese Szene eingebaut?Diese Episode basiert auf historischen Fakten. Johanna hatte maurische Sklavinnen. Ein weiteres Argument in der Epoche, um ihren angenommenen Wahnsinn zu beweisen, war die Tatsache, dass Johanna sich durch den Einfluss dieser Sklavinnen häufig badete und die Haare wusch. Philipp zwang Johanna, sie zu entlassen. Ob es nun eine sexuelle Beziehung zwischen Johanna und ihren Sklavinnen gegeben hat, ist Fiktion. Mir erschien, dass eine so sinnliche und freie Frau in der Sexualität wie Johanna, durchaus Lust mit den Sklavinnen gefunden haben könnte. Ich würde nicht so sehr von einer lesbischen Beziehung sprechen, sondern eher sagen, dass es Johanna um die Erfüllung ihrer erotischen Bedürfnisse ging. Ihre Gedichte schreiben Sie spontan. Wie läuft das Schreibens eines solch komplexen Romans ab?Schreiben, löschen, erneut versuchen. Ich mache mir eine Struktur der Geschichte und lasse mich davon treiben, was mir die Geschichte ins Ohr flüstert. Jeder Roman hat seinen eigenen Prozess und jeder schreibt sich auf andere Weise. Ich habe keine Methode. Es ist ein Geheimnis, selbst für mich. Das Manuskript der Verführung, Roman von Gioconda Belli, Peter Hammer Verlag, 2005 http://www.peter-hammer-verlag.de, gebunden 24,90 Euro. | Mehr zu Literatur Paraguay... ein linguistisches Binnenland La creatividad ante la crisis “O hace fútbol o hace rock” Alles zu Literatur Mehr zu Nicaragua Leider noch keine Artikel vorhanden Matices en Español ¿Que es? Matices em Portugues O que é? |
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