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"Ich bin ein freier Mann"
Ausgabe 41 - Frühjahr 2004Interview mit dem kubanischen Autor Miguel BarnetHarald Neuber sprach auf der XIII. Internationalen Buchmesse in Havanna mit dem kubanischen Schriftsteller Miguel Barnet über Unterwürfigkeit und Kultur des Widerstandes, über Zwänge des Imperialismus und persönliche Freiheit, Weltoffenheit und Kulturblockaden.Der kubanische Schriftsteller und Anthropologe Miguel Barnet ist Präsident der Fernando-Ortíz-Stiftung in Havanna. Für seine Verdienste um die kulturellen Beziehungen zwischen Kuba und der Bundesrepublik hat Barnet Anfang Februar in Havanna das Bundesverdienstkreuz erhalten. Die Auszeichnung wurde paradoxerweise in einem Moment ausgehändigt, da die bilateralen Beziehungen nach der Kulturblockade Berlins gegen die XIII. Internationale Buchmesse von Havanna an einem Tiefpunkt angelangt sind. Wann haben Sie erfahren, dass der deutsche Botschafter Bernd Wulffen Ihnen das Bundesverdienstkreuz verleihen wird?Schon im vergangenen Jahr hatte mich eine Anfrage aus Deutschland erreicht. Ich sollte meinen Lebenslauf nach Berlin schicken. Zunächst hatte ich mir dabei nichts gedacht, denn solche Anfragen erreichen mich dauernd. Nach einigen Monaten gab es dann die ersten Gerüchte. Auf Kuba, müssen Sie wissen, verbreiten sich Neuigkeiten schnell. Auch wenn wir elf Millionen Menschen sind, es sind elf Millionen ziemlich indiskrete Menschen. Die ausländischen Botschaften scheinen davon nicht ausgenommen. Von irgendwoher hörte ich dann, dass ich einen Preis bekommen sollte. Später erfuhr ich aus einer anderen Richtung, dass es das Bundesverdienstkreuz sei. Zu diesem Zeitpunkt war die Verleihung aber noch nicht bestätigt. Als ich dann offiziell benannt wurde, war ich natürlich sehr zufrieden. Ich habe der Verleihung sofort zugestimmt, weil es eine große Ehre für mich ist, das Bundesverdienstkreuz zu erhalten. Nun zu sagen, dass ich den Orden nicht verdient hätte, wäre falsche Bescheidenheit. Und die liegt mir nicht besonders. Unbescheidenheit ist eleganter. In Deutschland sind schließlich zahlreiche meiner Bücher erschienen, die übrigens alle kubanische Themen behandeln. Ich habe vor den Deutschen überdies großen Respekt. Was mich bei meinen zahlreichen Reisen am meisten beeindruckt hat, ist die deutsche Ordnung. Ab und zu ist sie für einen Kubaner angenehm, der in einer so chaotischen Umgebung zu Hause ist. Deutschland war für mich immer ein Ruhehafen, dort konnte ich immer entspannen, mich erholen und vor allem schreiben. Das anspruchsvollste und aufmerksamste Publikum in Europa ist zudem an den deutschen Universitäten zu finden. Ich bin also stolz auf diese Auszeichnung, zumal ich der erste Kubaner bin, der das Bundesverdienstkreuz erhält. Und weil ich stolz auf mein Land bin, widme ich die Ehrung der kubanischen Kultur, meinem Volk, besonders aber den deutschen Studenten und Lesern, von deren Aufmerksamkeit ich mich tatsächlich geehrt fühle. Was verbindet Sie mit der deutschen Kultur?Ich war schon immer ein großer Bewunderer der deutschen Literatur. Die Musik, die ich am meisten höre, kommt aus Deutschland, etwa Bach und Beethoven. Und aus Österreich natürlich, um Mozart nicht zu vergessen. Dichter wie Schiller, Heine und Goethe hatten auf Kuba immer einen hohen Stellenwert. Und nicht zuletzt: Hans Magnus Enzensberger, mein enger Freund. Auch die Geschichten von Ingeborg Bachmann hatten für mich immer eine ganz eigene Faszination. Ebenso Heinrich Böll und Günther Grass. Dass mein Werk im Deutschland all dieser großen Namen Anklang findet, ist eine meiner größten Freuden. Trotzdem hat sich die deutsche Regierung für den Boykott der diesjährigen XIII. Internationalen Buchmesse von Havanna entschieden, auf der die deutsche Kultur das Schwerpunktthema war. Ist das nicht widersprüchlich?Regierungen vergehen, Kultur bleibt bestehen. Politiker reißen solche Gräben auf und überwinden sie. Dichter bleiben erschüttert vor ihnen stehen. Die Entscheidung der deutschen Regierung geht auf die politische Konjunktur zurück. Sie hat mit den politischen Beziehungen meines armen, bedrohten und vor allem unverstandenen Landes zu tun. Meines sehr unverstandenen Landes. Natürlich hat unsere Regierung harte Maßnahmen, radikale Maßnahmen getroffen. Wären diese Maßnahmen aber nicht getroffen worden, wären wir unter Umständen das nächste Ziel einer militärischen Intervention geworden. Es gibt viele Intellektuelle, zu viele, die das nicht verstehen. Manchmal gibt es keine anderen Möglichkeiten, als radikale Maßnahmen zu treffen. Wären im Verlauf der kubanischen Revolution nicht immer wieder radikale Methoden angewandt worden, dann würde es diese Revolution heute nicht mehr geben. Die Reaktion der deutschen Bundesregierung erscheint mir daher unangemessen, mehr noch: Sie ist ungerecht! Denn ungeachtet der politischen Differenzen hatte Kuba die Größe, Deutschland zum Gastland zu ernennen. Das war eine freundschaftliche Geste auf Regierungsebene. Die muss doch respektiert werden. Wir waren es, die sich der deutschen Kultur geöffnet haben: der Dichtung von Goethe und Schiller, dem Denken von Marx und Schopenhauer. Bertolt Brecht genießt hier auf Kuba als eine der polemischsten und faszinierendsten Persönlichkeiten der jüngsten deutschen Kulturgeschichte hohes Ansehen. Brecht hat sein ganzes Schaffen in den Dienst des Kampfes für eine gerechtere und eine bessere Welt gestellt. Ich habe seine Werke immer wieder gelesen und dabei so viele Parallelen zu den heutigen Problemen gefunden. Zum Beispiel mit seinem Werk »Die Geschäfte des Herrn Julius Cäsar«, von dem zur Buchmesse in Havanna eine Übersetzung neu aufgelegt wurde. Auch heute dominiert wieder ein Cäsar das Weltgeschehen: George W. Bush. Kuba hingegen steht für den Frieden. Kuba steht für Kultur. Die kulturelle Entwicklung und die bilateralen Kontakte zwischen Deutschland und Kuba unterbinden zu wollen ist verrückt. Diese Kontakte werden sich nie verbieten lassen. Wer will mir das verbieten? Wer will mir die Erinnerung daran nehmen, wie ich mit 17 oder 18 Jahren Goethes »Werther« gelesen habe? Welcher Minister maßt sich an, mir zu sagen, dass ich kein Erbe dieser Kultur sein darf? Von Schiller, von Goethe, von Herder? Wer will mir die Musik von Bach verbieten, oder von Beethoven? Regierungen nehmen bisweilen arrogante und selbstgerechte Positionen ein. So wie die deutsche Bundesregierung, als sie bekanntgab, »die kulturellen Beziehungen mit Kuba herunterzufahren«. Diese Position hat aber bei Intellektuellen durchaus Widerhall gefunden. Sie beziehen sich in erster Linie auf Menschenrechtsfragen. Was entgegnen Sie diesen Befürwortern der Kulturblockade gegen Kuba?Ich rate ihnen, sich mit ihrer eigenen Kultur auseinanderzusetzen. Jede und jeder Deutsche sollte wissen, was politische Repression bedeutet, was Konzentrationslager sind. Besser als jedes Land der Erde weiss Deutschland, was Krieg bedeutet und welche Folgen für die Menschen er mit sich bringt. Deutschland sollte sensibel für faschistoides Gedankengut sein. Wenn es sich also lohnen sollte, dann entgegne ich den Befürwortern einer solchen Politik: Versuchen Sie, Kuba zu verstehen! Natürlich haben wir Fehler begangen. Aber erkennen Sie an, dass Kuba nach 1959 mehr Erfolge als Fehler aufzuweisen hat! Kuba ist ein gelehrtes Land. Kuba ist das Land in Lateinamerika, in dem am meisten gelesen wird. Selbst in den schwierigsten ökonomischen Momenten wurden hier keine Kindergärten, Schulen oder Krankenhäuser geschlossen. Und das sagt Ihnen jemand, der kein Parteibuch in der Tasche hat. Ich spreche also nicht so, weil ich Mitglied in der Kommunistischen Partei Kubas bin. In dem,was ich sage und denke, bin ich ein absolut freier Mann. Welche Perspektiven sehen Sie also für die Beziehungen zwischen Deutschland und Kuba?Das reife und das weise Europa, das Europa von Montesquieu, Schopenhauer und Marx muss den ersten Schritt tun. Dieses Europa muss uns seine freundschaftliche Hand ausstrecken. Diese Hand suchen wir, wenn wir uns heute an Alexander von Humboldt erinnern, der 1803 und 1804 in Kuba an Land ging, um später ein wundervolles Buch über unsere Insel zu veröffentlichen. Deutschland muss sich öffnen, anstatt sich selbst weiter zu isolieren und sich solch schamlosen Männern wie José María Aznar anzunähern, der inzwischen schon offen die Invasion der USA in Kuba fordert. Vielleicht wissen das die Kritiker Kubas in Deutschland nicht. Also schreiben Sie: Der spanische Premier Aznar fordert die Invasion in Kuba! Er will diese Revolution, dieses Volk und diese großartige Kultur zerstören! Wer klagt das an? Unsere große Hoffnung in diesen Tagen ist, dass die politische Stimmungslage sich bald verändert. Europa muss an dieser Stelle der Geschichte Reife zeigen. Denn Kuba ist nicht Ecuador, Kuba ist nicht Mexiko, Kuba ist nicht Panama. Kuba ist ein potentielles Ziel des nordamerikanischen Imperiums. Wie viele Attacken müssen wir tagtäglich erleiden, nicht nur ideologisch, sondern vor allem wirtschaftlich? Jeder, der über Kuba spricht, sollte das Helms-Burton-Gesetz gelesen haben. Dieses Gesetz verbietet Kuba praktisch jeden wirtschaftlichen Kontakt mit anderen Staaten. Dieses Gesetz verbietet Flugzeugen oder Schiffen, die nach Kuba kommen, anschließend für ein halbes Jahr US-amerikanische Flughäfen und Häfen anzusteuern. Als ob sie eine Seuche mit sich bringen würden. Frauen und Männer aus den USA müssen Strafen von bis zu 250.000 US-Dollar fürchten, wenn sie nach Kuba reisen. Die US-Administration behandelt uns, als ob Kuba der Höllenschlund wäre. Und ich? Ich bin wirklich stolz, in diesem Land leben zu dürfen, das so viel erreicht hat. Und ich wiederhole: Ich, Miguel Barnet, bin kein Mitglied in irgendeiner Partei. Ich bin ein Freidenker. Noch nicht einmal Kommunist. Das zu behaupten wäre recht kühn, denn unter einem Kommunisten verstehe ich jemanden, der das Denken und die Theorie von Marx und Lenin studiert. Aber ich bin Sozialist, denn ich verteidige die kubanische Revolution als die einzige radikale und tiefgreifende Revolution auf diesem Kontinent. Die Moderne, das trifft zumindest auf Lateinamerika zu, kann nur mit dem Sozialismus einhergehen. Der Sozialismus hat in Kuba viele Errungenschaften vorzuweisen. Er hat humanistische Werte durchgesetzt, er beteiligt die Menschen am politischen System und verschafft allen Kubanerinnen und Kubanern Zugang zur Kultur. Begehen wir also Fehler? Ja, das tun wir, denn wir sind nicht perfekt. Aber begeht die mexikanische Regierung keine Fehler? Und wenn, welche diplomatischen Konsequenzen muss sie befürchten? Oder die peruanische Regierung? Wie viele Kinder verhungern tagtäglich auf den lateinamerikanischen Kontinent? Keines von ihnen stirbt auf Kuba. Im Gespräch konnte der deutsche Botschafter, auf die kulturelle Blockade angesprochen, keine Gründe nennen. Welche können Sie sich vorstellen?Ich denke da ganz wie der deutsche Botschafter. Herr Wulffen scheint mir ein ehrenhafter Mann zu sein. Wenn er Ihnen auf diese Frage mit Schweigen geantwortet hat, dann spricht das für seine Professionalität als Diplomat. Ich persönlich denke, dass der deutsche Botschafter, den ich als Intellektuellen kennen- und schätzengelernt habe, mit dieser Politik nicht einverstanden sein kann. Aber ich möchte ihn hier nicht kompromittieren. Ich selbst sehe keine haltbare Begründung für eine solche Politik. Eine kulturelle Blockade ist ebensowenig gerechtfertigt wie politische Zensur. Ihr Kulturminister Abel Prieto hat zu Beginn der diesjährigen XIII. Buchmesse - nach seiner Meinung zum Servilismus einiger Intellektueller in Deutschland gefragt - eine »Kultur des Widerstandes« gefordert. Wo könnten deren Wurzeln liegen?Diese Kultur ist vorhanden, sie muss nur geweckt werden. Sie ist den Menschen zu eigen, und sie kommt in Situationen der Unterdrückung zum Ausdruck. Deshalb ist sie in unserem Volk so stark vertreten. Kuba hat im Laufe seiner Geschichte die Gewalt der Kolonisatoren und der militärischen Interventionen erlitten. Aber die Menschen haben sich widersetzt. Die schwarzen Sklaven haben sich heldenhaft über mehr als drei Jahrhunderte hinweg dem Joch der Sklavenhalter widersetzt. Sie haben ihre Kultur über diese Zeit hinweg bewahrt und damit einen großartigen Beitrag zur Literatur, Musik und Kunst auf Kuba geleistet. Dieser Kultur des Widerstandes liegt meiner Meinung nach aber auch eine ethische Haltung zugrunde, die auch von von der Repression nicht unmittelbar Betroffenen getragen wird. Wenn wir uns heute auf die Werte der Französischen Revolution berufen, dann gehen diese zwar auf Forderungen der Unterdrückten und Ausgebeuteten zurück, wurden im Verlauf der Geschichte aber vom liberalen Bürgertum weiterentwickelt. Die Ideen von Gleichheit, Freiheit und Brüderlichkeit sind in der Folge in der bürgerlichen Gesellschaft aus einer tiefen ethischen Überzeugung heraus verteidigt worden. Das hat sich auch im heroischen Widerstand vieler Deutscher gegen den Nazifaschismus bewiesen. Während meiner zahlreichen Aufenthalte in Deutschland habe ich mit Widerstandskämpfern gesprochen. Nach diesen Gesprächen war ich immer tief beeindruckt von der moralischen Standhaftigkeit dieser Menschen. Umso mehr, als ich auch diejenigen traf, die den Ideen Hitlers verfallen waren. Darum sehen wir uns, die wir auf die große Tradition des Vorkämpfers unserer Unabhängigkeit, José Martí, zurückblicken, auf das »Mysterium, das uns begleitet«, wie der Poet Lezama Lima einmal schrieb, in der Pflicht, diesen Humanismus, diese Ethik und diese »Kultur des Widerstandes« zu verteidigen, von der Minister Abel Prieto gesprochen hat. Es sind die Werte der Cimarrones, der entflohenen Sklaven, die von dem schwarzen Unab-hängigkeitshelden Antonio Maceo gegen die spanischen Unterdrücker verteidigt wurden. In dieser Tradition sehe ich mich. Die feine Poesie und die schöngeistigen Ideen in meinen Werken sollten nie darüber hinwegtäuschen, dass meine Bücher und mein ganzes Schaffen eine einzige Basis haben: Eine radikale und revolutionäre Ethik, die ich jederzeit zu verteidigen bereit bin. | Mehr zu Politik Som una TLD - Katalanen erlangen virtuelle Unabhängigkeit Un pueblo olvidado en el desierto - Treinta años de la República Arabe Saharaui Democrática Ciudad Nemagón: La ley de las compañias bananeras - Historia de una tradegia. Impunidad total: Recordando con ira. El estado chileno y la dictadura militar de Pinochet. Avatares de un fénix sudamericano - El "Museo de la Memoria" Secuestros Inc., la nueva industria sin chimeneas de México Keine Nachhaltigkeit ohne Entwicklung - Erneuerbare Energien in Zentralamerika La Vega. 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