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Ausgabe 40 - Winter 2003/2004

Was von der Revolution übrig blieb

Zum zehnten Mal jährte sich am 1. Januar der Aufstand der Zapatisten im südmexikanischen Chiapas. Seitdem sind viele Versprechungen, Drohungen, Dialogrunden und Reformvorhaben ins Land gezogen - doch an der elenden Situation der Indígenas im ärmsten Bundesstaat des Landes hat sich bis heute faktisch wenig geändert.

Ina Rottscheidt

Unsanft wurden die politischen Eliten Mexikos am Neujahrsmorgen 1994 aus ihren Träumen von einem modernen Land gerissen: Ausgerechnet an dem Tag, an dem mit Inkrafttreten der Freihandelszone NAFTA Mexiko gewissermaßen die Schwelle zur ersten Welt überschreiten sollte, richtete die Weltöffentlichkeit ihre Augen auf einen kleinen, unterentwickelten Bundesstaat im Süden des Landes: In Chiapas hatten sich in der Sylvesternacht rund 3000 bewaffnete Indio-Rebellen blutige Gefechte mit Soldaten geliefert und fünf Kreisstädte besetzt, darunter auch die für den Tourismus bedeutende Stadt San Cristóbal de las Casas. Den überraschten Urlauber teilt ein Kämpfer mit Skimaske und Pfeife im Mund an den Blockaden der Ausfallstraßen mit: „El camino a Palenque está cerrado. Ocosingo está ocupado. Perdonen las molestias pero eso es una revolución.“

Zu Wort meldete sich das bis dato unbekannte „Zapatistische Heer der Nationalen Befreiung“ (EZLN), das sich als Sprachrohr der rund 10 Millionen Ureinwohner des Landes versteht und Land für Bauern, Autonomie, soziale Gerechtigkeit und demokratischere Strukturen fordert. Auf San Cristóbals Häuserwänden prangen Farbparolen „Land und Freiheit!“, „Nieder mit der NAFTA!“ und „Es lebe die Freiheit“.

Nach wie vor ist Chiapas der ärmste Bundesstaat Mexikos: Eine Durchschnittswohnung besteht hier aus 1,7 Zimmern, bewohnt von mehr als fünf Menschen. 47 Prozent dieser Wohnungen haben keine Toilette, 42 Prozent keinen Strom. Von Unterernährung sind immer noch über 70 Prozent aller Kinder betroffen, 45 Prozent der Gesamtbevölkerung haben keinen Zugang zu medizinischer Versorgung. Zwar erklären diese Zahlen die Ereignisse in Chiapas nicht hinreichend, doch sie legen nahe, dass der Ausbruch der Gewalt letztlich nur eine Frage der Zeit war.

Zwischen Kult und Revolution

Mit ihren Forderungen nach sozialen Reformen rückten die Zapatisten in die weltweiten Schlagzeilen. Fortan schlug ihnen eine ungeahnte Sympathie- und Solidaritätswelle entgegen, für so manche Freiheits- oder Anti-Globalisierungsbewegung wurde die EZLN zur Inspirationsquelle schlechthin. Das Bild des vermummten Anführers „Subcomandante Marcos“ erlangte derweil ähnlichen Kultstatus wie das Konterfei von Che Guevara und ist fortan der Renner in San Cristóbals Souvenirläden – neben den Büchern mit seinen gesammelten „Erklärungen aus dem Lakandonen-Urwald“, die den französischen Schriftsteller Regis Debray bereits veranlassten, Marcos als den „größten Schriftsteller Lateinamerikas“ zu bejubeln. Nicht zuletzt aufgrund dieser internationalen Aufmerksamkeit erklärte sich die Regierung zwölf Tage nach Beginn des Aufstandes zu einem Waffenstillstand bereit - ein Blutbad hätte sie vor der Öffentlichkeit nicht rechtfertigen können. Die Folgezeit ist - bis heute - geprägt durch ein Wechselspiel von Verhandlungen, Repression, Versprechungen und Funkstille.

Am 21. Februar 1994 begannen in der Kathedrale von San Cristóbal die Verhandlungen zwischen Regierung und EZLN unter Vermittlung des Bischofs und Befreiungstheologen Samuel Ruíz García und der neu gegründeten „Comisión de Concordia y Pacificación“ (COCOPA). Ergebnis langer Gespräche waren 1996 die „Abkommen von San Andrés“ mit erstmalig konkreten Bestimmungen zu Autonomie und sozialen Reformen in Chiapas. Doch den Weg durch das Parlament schafften sie nicht unbeschadet: Ihre Verabschiedung wurde mit so vielen Änderungen verknüpft, dass die Zapatisten die Gespräche abbrachen.

Parallel zur darauf folgenden Phase des politischen Stillstandes breitete sich in Chiapas schleichend ein Krieg der niederen Intensität aus. Dessen Höhepunkt ist im Dezember 1997 mit dem als „Massaker von Acteal“ in die Medien eingegangenen Überfall regierungsnaher Milizen auf Teilnehmer einer religiösen Zeremonie erreicht. Dabei wurden 45 Menschen – vorwiegend Frauen und Kinder – getötet, während die zur gleichen Zeit nur wenige hundert Meter entfernt stationierten Polizisten und Soldaten untätig blieben.

Die „15 Minuten von Fox“

Bewegung versprachen erst wieder die Präsidentschaftschaftswahlen im Jahr 2000: Mit dem Sieg von Vicente Fox von der rechtskonservativen „Partei der Nationalen Aktion“ (PAN) endete nach über 70 Jahren die Alleinherrschaft der „Partei der Institutionalisierten Revolution“ (PRI). Auf diesen vermeintlich politischen Neubeginn reagierten die Zapatisten mit erneuter Bereitschaft zum Dialog. Fox selbst hatte bereits während des Wahlkampfes vollmundig verkündet, den Konflikt in Chiapas „binnen 15 Minuten zu lösen“.

Diese 15 Minuten wachsen sich derweil zu gestandenen drei Jahren aus - von Fortschritt kaum eine Spur. Nach dem „Marsch der indigenen Würde“ Richtung Hauptstadt im Jahr 2001 ist es still geworden um die Rebellen aus dem Lakandonen-Urwald. Damals war ihnen nach tagelangen Kundgebungen vor dem Präsidentenpalast der Zugang zum Kongress gewährt worden - um ihren Forderungen nach den Abkommen von San Andrés Nachdruck zu verleihen. Am Ende der Anhörungen stand ein Reformvorschlag über die Rechte und Kultur der Indígenas, das „Ley de Derecho y Cultura Indígena“ - das erneut auf Widerstand des Parlamentes stieß und in zahlreichen Punkten gegenüber den ursprünglichen Vorschlägen verändert wurde. Als einen Verrat am Annäherungsprozess bezeichneten die Zapatisten das Ergebnis und lehnten jedes weitere Gespräch ab - während Fox die Verabschiedung des Gesetzes begrüßte und den Konflikt als erledigt ansah.

Kleine Etappenziele

Zehn Jahre nach dem Aufstand kann die vorwiegend indianische Bevölkerung jedoch auch einige Erfolge vorweisen: Zweifellos gelang es der EZLN, mit ihrer ungeahnten Medienwirksamkeit auf das Elend der Ureinwohner aus Chiapas hinzuweisen. „Die Indígenas sind aus der Anonymität hervorgetreten. Ihre Zukunft ist heute hoffnungsvoller“, findet die mexikanische Indianer-Beauftragte Xóchitl Gálvez.

Nach und nach haben die Zapatisten auch die Landkarte von Chiapas eigenmächtig neu gezeichnet: Seit 1994 gründeten sie in Dörfern mit besonders starker Basis mehr als 30 autonome Gemeinden, die sich um die lokale Verwaltung kümmern - und die staatlichen Autoritäten schlichtweg ignorieren. „Hier regiert das Volk und die Regierung gehorcht“ verkünden die Schilder am Straßenrand, und damit es auch keine Missverständnisse darüber gibt, wer in San Pedro Polhó, Santa Catarina oder Magdalena de la Paz das Sagen hat, sind schwarze Kappen auf das Plakat gemalt. Im August 2003 wurden den autonomen Gemeinden fünf „Juntas de Buen Gobierno“ übergeordnet - und Fox lässt sie gewähren. Kommandantin Esther erklärt: „Wir setzen nun das Abkommen von San Andrés einfach praktisch um“.

Auch der stockenden Landreform halfen die Zapatisten – zum Leidwesen der Landbesitzer - eigenhändig auf die Sprünge: mehrere tausend Hektar Land besetzten landlose Indígenas seit den Aufständen. Doch auch hier widersetzt sich die Regierung nicht - zu groß ist die Angst vor einem erneuten Aufstand - und kaufte mancherorts den Besitzern sogar das Land billig ab, um es den Besetzern zu schenken.

Doch obwohl die politisch motivierte Gewalt im Vergleich zu den 90er Jahren zurück gegangen ist, ist der gegenwärtige Zustand für keine Seite befriedigend. Denn solange sich an der elenden und unterentwickelten Situation in Chiapas faktisch nichts ändert, schwelen dort Unzufriedenheit und die potentielle Bereitschaft, erneut zu den Waffen zu greifen. Aufgeben jedenfalls steht nicht zur Debatte, wie der „Sub“ zum Gedenken an den Aufstand vor zehn Jahren deutlich machte: „¡Sigamos luchando día a día por una verdadera democracia con justicia y libertad!“

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