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Ausgabe 40 - Winter 2003/2004

Die Azteken

schaurig-schöne Hochkultur

Vom 26. September 2003 bis zum 11. Januar 2004 präsentierte die Bundeskunsthalle in Bonn eine umfassende Ausstellung mit rund 450 Exponaten zum Reich der Azteken. Die zuvor in Berlin gezeigten Exponate geben eindrucksvolle, aber auch schaurige Einsichten in das religiöse, gesellschaftliche und alltägliche Leben der mexikanischen Vorfahren.

Sophie Boldt

Das Schaudern und Gruseln hat nicht nur in der zeitgenössischen Kunst Konjunktur. Bereits die mittelamerikanische Hochkultur der Azteken war damit bestens vertraut – allerdings auf wesentlich konkretere Art. Gleich am Eingang der Bonner Ausstellung begrüßt den Besucher eine überlebensgroße Skulptur des aztekischen Todesgottes Mictlantecuhtli. Seine Funktion im Reich der Götter wird in der Skulptur unmissverständlich zum Ausdruck gebracht. Das offen hervortretende Gebiss und die nach oben gewölbte Nase lassen den Schädel des Kopfes hervortreten. Auch die heraustretenden Rippen erinnern mehr an ein Skelett, als an einen Körper. Aus seiner Bauchhöhle tritt die Leber heraus, die für die Azteken der Sitz des Atems und des Geistes war.

Die zweite wichtige Gottheit, der sich die Ausstellung widmet, ist der Fruchtbarkeitsgott Xipe Totec, dessen Zuneigung sich die Azteken durch Menschenopfer zu sichern suchten. Mehrere Exponate veranschaulichen in geradezu makabrer Weise, welche Ehrungen die Azteken dieser Gottheit zu Teil werden ließen. Die Skulpturen der Priester sind bekleidet mit der umgestülpten Haut der Opfer, deren Oberfläche noch die Noppen der Fettschicht aufweist. An Handgelenken und Fußknöcheln sieht man die Haut von Händen und Füßen. Eine Skulptur trägt gar die Gesichtshaut des Opfers als Maske über das eigene Gesicht geschnürt.

Menschenopfer galten als Nahrung für die Götter, mit denen man den Bestand der Welt zu sichern trachtete. Die dazugehörigen Feste und Rituale, die durch mehrere rituelle Kalender festgelegt wurden, waren zeremoniell-feierlicher Ausdruck einer kosmischen Ordnung, der Menschen wie Götter unterworfen waren. Die beiden Götter des Templo Mayor von Tenochtitlan, Huitzilochpotli, der Schutzgott, und Tlaloc, der Regengott, verlangten nach besonders viel menschlicher Nahrung. Auf der Plattform der Tempel wurde mit der scharfen Obsidianklinge des Opfermessers dem rücklings auf einen Opferstein (techcatl) gelegten, betäubten Opfer das Herz aus der Brust geschnitten. Dann wurde sein Körper die Stufen des Tempels hinuntergestoßen. Das Herz wurde in eine Adlerschale gelegt. Sowohl die Opfersteine, als auch die verzierten Messer und Adlerschalen werden in verschiedenen Ausführungen in der Bonner Ausstellung gezeigt.

Es wäre allerdings verfehlt, die Azteken auf eine bestialische Kultgemeinschaft mit einer Vorliebe für archaisch-grausame Opferriten zu reduzieren, wie es die spanischen Konquistadoren taten. 1521 eroberten ca. 500 spanische Soldaten unter der Leitung von Hernán Cortés mit größter Brutalität das Aztekenreich. Schockiert von den religiösen Riten radierten sie voll missionarischen Eifers eine der bedeutendsten Hochkulturen der damaligen Welt von der Landkarte. Sie verbrannten Bibliotheken mit rituellen Handschriften und zerstörten den gesamten Tempelbezirk. Trotzdem gelang es ihnen nicht, das Andenken der Azteken gänzlich zu vernichten – im Gegenteil.

Aus ihrer Geschichte schöpfen die Mexikaner neues Selbstbewusstsein

Das Selbstbewusstsein des heutigen Mexikos beruht zu einem nicht geringen Teil auf dem Bekenntnis zu seinen aztekischen Wurzeln. Dass man sich heute voller Stolz vor allem auf die aztekischen Vorfahren beruft, und nicht auf Olmeken, Tolteken oder Maya hat mehrere Gründe. Zum einen zählt natürlich, dass die Azteken, die sich selbst auch als "Mexica" bezeichneten, die direkten Vorfahren der Mexikaner sind. Zum anderen war es den kriegerischen Azteken gelungen, in nur 200 Jahren eine Hochkultur zu etablieren und sich zur beherrschenden Großmacht Mittelamerikas aufzuschwingen. Hinzu kommt natürlich auch ein wichtiger postkolonialer Aspekt. Schließlich hatten sich die Azteken, anders als die anderen indianischen Stämme Mittelamerikas, seinerzeit nicht den übermächtigen spanischen Eroberern kampflos ergeben, sondern tapfer zur Wehr gesetzt.

Dass die moderne mexikanische Nation heute besonders ihre aztekischen Wurzeln hervorhebt liegt aber auch darin begründet, daß viele Kenntnisse über die Azteken erst in jüngster Zeit gewonnen wurden. Zu den bedeutendsten Funden gehört die Wiederentdeckung der prächtigen Azteken-Hauptstadt Tenochtitlan. Sie zählte eine viertel Million Einwohner und lag, wie spanische Überlieferungen stets vermuten ließen, genau unter der heutigen Metropole Mexiko-Stadt. Einen Beweis dafür gab es aber erst, als am 28. Februar 1978 ein Arbeiter beim Bau einer neuen Tunnelröhre für die Metro des Millionenmolochs mit seiner Spitzhacke auf ungewohnt harten Widerstand traf und damit eine Lawine archäologischer Ausgrabungen lostrat, die bis heute andauert. Heute weiß man, dass der zerstörte Palast, in dem einst der glücklose Montezuma herrschte, schon vom Eroberer Hernán Cortés mit seinem Palais überbaut wurde. Er steht an derselben Stelle wie der Nationalpalast, der die gesamte Ostseite des Zócalo, des größten Platzes der Stadt, einnimmt und dem heutigen Präsidenten als Amtssitz dient. Man weiß auch, dass selbst die barocke Kathedrale auf heidnischem Boden steht. Sie wurde über den Resten eines geschleiften Tempels errichtet. Einige beeindruckende Funde der Ausgrabung, die 1978 unter der Leitung von Eduardo Matos einsetzen, sind in der Bonner Kunsthalle zu bewundern. Eduardo Matos spielte auch bei der Konzeption der Ausstellung eine tragende Rolle.

Die Aztekische Hochkultur

Als die Konquistadoren 1521 Tenochtitlan entdeckten, sahen sie sich ungeahnt mit einer Hochkultur konfrontiert. Auf einer Ebene, 2240 Meter über dem Meeresspiegel lag vor ihnen ein See mit einer Insel, auf der sich eine gewaltige Tempelstadt erhob. Heute ist das Gewässer bis auf wenige Pfützen verschwunden. Stattdessen erstreckt sich dort die gigantische Hauptstadt Mexikos, errichtet auf dem Grund des Texcoco-Sees (den im 17. Jahrhundert ein Hamburger Ingenieur trockenlegte). Vor 500 Jahren glitten hier noch Einbäume durch Lagunen. Dammstraßen verbanden die vielen Inseln mit dem Festland. Lastenträger mit schweren Fasersäcken liefen umher. In kleinen Gärten zogen die Bauern Bohnen und Kürbis, gedüngt mit Seeschlamm, Humus und Fäkalien. In der Tempelstadt wohnten Menschen mit Nasenpflöcken, gewandet in Kaktusfasern und Baumwolle. Sie aßen Tortillas und rauchten Tabakpfeifen.

Die Azteken hatten ein ausgefeiltes Rechtssystem, in dem, detailreich bis hin zum Umgang mit Alkohol, das gemeinschaftliche Leben geregelt wurde. Sie betrieben Astronomie und Mathematik. Alle Kinder waren schulpflichtig. Die medizinischen Kenntnisse waren soweit fortgeschritten, dass selbst Augenoperationen durchgeführt wurden. Zudem belegt die Ausstellung den Sinn der Azteken für detailreiche biologische Studien. So kann man beispielsweise die eindrucksvolle Skulptur einer Heuschrecke oder gar eines Flohs bewundern.

An der gesellschaftlichen Spitze standen Herrscher, die eine Aura der Unberührbarkeit umgab. Der Geburtsadel, der auch die Priester und Kriegsherren stellte, umfasste etwa zehn Prozent der Bevölkerung und schottete sich im Zuge der imperialistischen Erfolge immer mehr ab. Kleider, besetzt mit Perlen und Muscheln, trugen nur die Reichen. Sie schlürften den teuren Kakao. Die einfachen Bauern dagegen aßen Bohnengrütze mit Tortillas. Drei Ernten schafften die Landwirte pro Jahr. Sie hielten Truthähne in Käfigen und Xolos - kleine, haarlose Hunde, die ihnen winters im Bett auch als “Wärmflaschen” (Whittaker) dienten. Eine Sonderrolle in diesem Ständestaat nahmen die Fernhändler ein. In gefährlichen Missionen, quer durch Feindgebiete, schafften sie die begehrten grünen Federn des Quetzal-Vogels aus Guatemala heran.

Die Azteken waren vor allem ein Kriegsvolk auf imperialistischen Feldzügen. Ausgerüstet mit Speeren und Holzschwertern mit eingelassenen Obsidianklingen und Holzschilden sowie Brustpanzern aus Baumwolle griffen die Kriegsherren mit ihrem Gefolge die damals schon reich besiedelten Nachbardörfer an. Immer mehr Siedlungen gerieten in ihre Abhängigkeit. 1464 erreichten die Azteken den Atlantik. 1486, unter König Ahuitzotl, weiteten sich die Feldzüge nach Süd-Osten aus. Ganze Orte wurden ausgelöscht. Am Ende waren 50 bis 60 Stadtstaaten unter ihrer Kontrolle. Der Azteken-Staat reichte nun bis Guatemala.

Die unterworfenen Stämme wurden jedoch nur lose in den aztekischen Verbund integriert und konnten weitestgehend ihre Sprache und ihre Lebenssitten beibehalten. Allerdings waren sie den Azteken tributpflichtig. Tribute bestanden nicht nur aus Bohnen, Früchten, Truthähnen, Edelsteinen, bunten Decken und Goldstaub, der in Federkielen abgemessen wurde, sondern auch aus Arbeitskräften, Kriegern und Menschenopfern für die rituellen Handlungen.

Kriegsherren und Priester standen in engem Verbund. Es waren die Priester, die die Götzen der Besiegten in die Hauptstadt brachten. Dort kamen die Statuen in kleine Kapellen und wurden mit einem rituellen Pflichtprogramm versorgt. Schließlich drängelten sich 200 Götter im Himmel der Azteken.

Götter und Menschen – eine Frage des Glaubens

Die Sorge um die Götter der eroberten Stämme zeigt zugleich, wie viel Respekt die Azteken nicht nur ihren eigenen, sondern den Göttern im allgemeinen zollten und wie viel mehr sie bedeuteten im Vergleich zu einem einfachen Menschenleben. Unter diesem Gesichtspunkt erscheinen auch die zahlreichen Menschenopfer weniger barbarisch als sie gemeinhin verurteilt werden. Die Azteken hatten im Laufe ihrer Jahrhunderte währenden Wanderschaft vor ihrer Sesshaftwerdung am Texcocosee viele harte und entbehrungsreiche Erfahrungen gemacht. Diese Erfahrungen prägten ihr pessimistisches Weltbild. Entsprechend galt ihnen ein einfaches Menschenleben wenig im Vergleich zum Erhalt der Welt, die vom Wohlwollen der Götter abhing. Hatten die Götter, insbesondere Tlaloc, der Regengott, nicht von sich aus immer wieder verheerende Zahlen von Menschenopfern durch nicht enden wollende Dürreperioden gefordert?

Die allgemein stark untergeordnete Position der Menschen unter die Götter zeigt auch eine wichtige Zeremonie, die die Bonner Ausstellung nicht zeigt: die Selbstkasteiung: Die Frauen steckten sich Kaktusstachel in Ohrläppchen und Zunge. Männer bevorzugten die Kasteiung ihrer Genitalien. Abgerundet wurde das Sortiment an Bußübungen durch Fasten, Dauertanz und nächtliches Wachbleiben.

Es scheint so, als stecke weniger die banale Grausamkeit von Barbaren hinter den Ritualen der Azteken, sondern vielmehr die (Ehr-)Furcht vor den als grausam erfahrenen Göttern.

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