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Ausgabe 39 - Herbst 2003

Traumregion mit Handicaps

Der internationale Tourismus auf den Karibischen Inselns

von Hans-Dieter Haas

Die durch den Tourismus erwirtschafteten Deviseneinnahmen sollen helfen, die Nachfrageabhängigkeit bei Agrarprodukten und Rohstoffen von den außerregionalen Abnehmerländern sowie die Importabhängigkeit von Industrieprodukten zu vermindern. Angesichts der geographischen, historischen und soziokulturellen Vielfalt sind die Karibischen Inseln attraktiv genug, um die unterschiedlichsten Urlaubsbedürfnisse befriedigen zu können, wobei die landschaftliche Attraktivität das wichtigste Potential der Inseln darstellt, jedoch auch Risiken mit sich bringt.

Der Tourismus ist ein von der natürlichen Umwelt abhängiger Wirtschaftszweig. Das durch die Wirkung des Passats wechselfeuchte tropische Klima, die weißen Strände aus Korallenkalk, die abwechslungsreiche Reliefgestaltung und die differenzierte, von europäischen Kolonialherren geprägte und verschiedentlich afrikanisch bzw. asiatisch beeinflusste Kulturlandschaft sind wichtige Voraussetzungen, die für einen Aufschwung des Tourismus auf den Karibischen Inseln ideal sind. Allerdings ist dieser Raum auch durch Naturrisiken gekennzeichnet, die als Ungunstfaktoren die Inwertsetzung des touristischen Potentials beeinträchtigen. So liegt Karibien in einer der tropischen Zonen, die relativ häufig von Hurrikanen heimgesucht werden. Darüber hinaus sind die östlichen Inseln von aktivem Vulkanismus bedroht, während Jamaika und Hispaniola sowie Kuba immer wieder mit Erdbeben rechnen müssen. Obwohl einige Inseln Wettbewerbsnachteile hinsichtlich ihrer tourismusrelevanten Ressourcen haben, hat der Karibische Raum seit Jahrzehnten eine stark expansive Entwicklung als Zielgebiet des internationalen Tourismus vollzogen.

Entwicklung des Tourismus

Die Entwicklung des Tourismus in der Karibik beginnt Anfang des Jahrhunderts, als wohlhabende Europäer und Amerikaner zu den Winterkurorten in den Kolonien der europäischen Großmächte reisten. In den 50er Jahren konzentrierte sich das Fremdenverkehrsaufkommen auf Kuba, das damals rund 300.000 Ankünfte verzeichnete und knapp ein Viertel des touristischen Volumens der Karibik auf sich vereinigte. Seit der Revolution durch Fidel Castro 1959 und der darauf folgenden Auferlegung des US-Handelsembargos verlagerte sich der Fremdenverkehr zunehmend nach den Bahamas, Puerto Rico, Jamaika und den Virgin Islands. In den 60er Jahren ermöglichte es vor allem die Entwicklung der zivilen Luftfahrt, den Tourismus voranzutreiben. Denn von nun an war es möglich, mit modernen Großraumflugzeugen die Inseln in wenigen Flugstunden zu erreichen. Da in diesem Stadium aufgrund der räumlichen Nähe schon früh regelmäßige Flugverbindungen aus den USA oder Kanada vorhanden waren, stammte ein Großteil der Touristen aus diesen Märkten. Durch die Zusammenarbeit mit großen Reiseveranstaltern entwickelte sich im Karibischen Raum als neue Form der Pauschalreise-Tourismus, welcher den Individualtourismus der 70er Jahre verdrängte. Ende der 80er Jahre wurden erstmals mehr als zehn Millionen ausländische Touristenankünfte registriert. Im weltweiten Vergleich blieben die absoluten Zahlen der Karibik- Touristen aber recht gering. Zwar erreichte man Ende der 90er Jahre mit rund 15 Millionen Gästeankünften im Karibischen Raum einen neuen Höchststand (2002 noch knapp 13 Millionen), global betrachtet vereinen die Inseln jedoch nur etwa zwei Prozent des Gesamtaufkommens im internationalen Reiseverkehr auf sich. Die Ereignisse des 11. September 2001 haben die Entwicklung des Flugverkehrs in der Karibik deutlich negativ beeinflusst. Die Betrachtung der Gästestruktur der karibischen Inseln zeigt, dass der Großteil der Touristen aus den USA stammt und diese vor allem Puerto Rico und die nahen Bahamas bevorzugen. Die Hauptzielgebiete der Europäer sind demgegenüber die Dominikanische Republik, Kuba, Martinique, Barbados und Jamaika. Diese fünf karibischen Destinationen vereinigen über 50 Prozent der europäischen Gästeankünfte auf sich, die - bedingt durch die historischen Bindungen an die Region - fast zur Hälfte aus Frankreich und England kommen. Aber auch dem deutschen Reisemarkt fällt mit den enormen Wachstumsraten eine wesentliche Bedeutung zu. Jährlich besuchen nahezu 280.000 Deutsche die Dominikanische Republik, was rund 40 Prozent des deutschen Gesamtaufkommens im Karibischen Raum entspricht.

Einen überdurchschnittlichen Zuwachs hat heute der Kreuzfahrttourismus. Weltweit ist derzeit der Karibische Raum das mit Abstand wichtigste Kreuzfahrtrevier, die Zahl der Passagierankünfte stieg dort von rund vier (1985) auf heute über neun Millionen. Der Kreuzfahrttourismus (KFT) übertrifft auf Dominica, Grenada, St. Maarten, den Cayman Islands und US-Virgin Islands sogar die Touristenankünfte per Flugzeug.

Da ein Großteil der Reisenden Amerikaner sind, werden die meisten Kreuzfahrten von Florida aus gestartet. Die räumliche Verteilung der von Deutschland aus buchbaren Routen konzentriert sich auf die Kleinen Antillen (siehe Karte). Die Dominanz der Bahamas und der USVirgin Islands - die beiden bedeutendsten karibischen Kreuzfahrtziele - ist auf die zunehmende Beliebtheit der short-distance-cruises zurückzuführen: Kreuzfahrten mit der mittleren Dauer von einer Woche machen inzwischen den Hauptanteil aus. Der Wunsch nach Einbeziehung möglichst vieler naturräumlich und kulturell verschiedener Umgebungen wirkt sich auf die Routenführung ebenso aus wie die neue Dimension der Kreuzfahrtschiffe. Die maximale Passagierzahl liegt zwischen 2.600 und 3.400 bei Vollbelegung aller Zusatzbetten. Probleme bereiten diese Großschiffe in Häfen, die nicht auf eine schnelle Massenabfertigung eingerichtet sind, und in Gebieten, in denen die Verkehrsverbindungen für Ausflüge von 1.000 oder mehr Gästen völlig unzureichend sind.

Auswirkungen des Tourismus

Die Auswirkungen dieser Art von Tourismus auf die einheimische Bevölkerung sind allerdings sehr kritisch zu betrachten. Anstatt die ansässige Bevölkerung in den Tourismussektor mit einzubeziehen, wird sie an vielen Stellen geradezu ausgeschlossen. Das liegt häufig am steigenden Anteil des Kreuzfahrt-Tourismus, aber auch an der bewusst isolierten Lage und ganz besonders am Konzept der Hotels, deren Pauschalpreise nach außen abgeschottete Verpflegung und Freizeitaktivitäten beinhalten. Außerdem können Touristenstandorte aufgrund ihrer Größe und peripheren Lage die lokale Infrastruktur einer Inselregion so stark überfordern, dass per Saldo der Nutzen dieser touristischen Anlagen für die lokale Ökonomie minimal ist.

Die Ausgaben der Touristen im Karibischen Raum betragen jährlich rund 12 Mrd. US-$. Damit ist für viele karibische Staaten der Fremdenverkehr die bedeutendste Deviseneinnahmequelle. Durch Verflechtungen zwischen Tourismus und vor- bzw. nachgelagerten Branchen kommen die Ausgaben der Touristen auch anderen Wirtschaftssektoren zugute. Angesichts der Möglichkeit, über die Deviseneinnahmen aus dem Tourismus das anhaltende Leistungsbilanzdefizit auszugleichen und Arbeitsplatzeffekte hervorzurufen, hat z.B. die kubanische Regierung seit Ende der 80er Jahre die Rahmenbedingungen für ausländische Investitionen im Tourismus deutlich verbessert, um wie andere Inseln vom Wachstum des Reiseverkehrs zu profitieren. Ein Großteil der erzielten Tourismuseinnahmen bleibt allerdings nicht in den Ländern selbst, sondern wird durch den Gewinntransfer ausländischer Investoren wieder in deren Heimatland zurückgeführt. Die Versorgung mit Gütern zur Befriedigung der Konsumbedürfnisse der Gäste erfolgt ebenfalls zu einem hohen Prozentsatz nicht aus dem eigenen Land. Die gilt insbesondere für den Kreuzfahrt-Tourismus. Zusätzlich steigen die Importe durch ein verändertes Konsumverhalten der ansässigen Bevölkerung, so dass die touristischen Bruttodeviseneinnahmen stark reduziert werden. Die Partizipation breiter Bevölkerungsschichten an den Einkünften aus dem Tourismus gilt generell als gering.

Viele der neu geschaffenen Arbeitsplätze im Tourismus und Beherbergungswesen liegen eher im Bereich geringwertiger Dienstleistungen, insbesondere bei Unternehmen in ausländischer Hand. Neben den im formellen Sektor entstandenen Arbeitsplätzen gehen vom Tourismus jedoch auch Wirkungen auf den informellen Wirtschaftsbereich der Karibischen Inseln aus. Der informelle Sektor ist sehr heterogen und umfasst im Tourismussektor die verschiedensten Tätigkeiten wie Straßenhandel, Fahrzeugverleih, aber auch Prostitution etc. Besonders bei den Anlegestellen von Kreuzfahrtschiffen und an den verschiedenen Tagesausflugszielen, wo direkte Kontakte zwischen Einheimischen und Touristen ermöglicht werden, konzentrieren sich zahlreiche „fliegende Händler“. Die Einnahmen aus diesen informellen Tätigkeiten fließen direkt in die Hände der lokalen Bevölkerung. Der Devisenabfluss ist mit Ausnahme des Kaufes von Gütern im Ausland sehr gering.

Der wirtschaftliche Beitrag des Tourismus im Karibischen Raum wird oftmals durch die sozialen und ökologischen Effekte des Reiseverkehrs überlagert. Beim Tourismus begegnen sich Träger verschiedener Kulturen. Überall dort, wo Reisende mit der karibischen Bevölkerung in Kontakt treten, kann die gegenseitige Beeinflussung von Kulturkreisen zur Überfremdung der Gesellschaft sowie zur Wandlung der Sitten und Gebräuche führen. Die Konsumgewohnheiten und Verhaltensweisen der ausländischen Gäste animieren die einheimische Bevölkerung Inselkaribiens zur Nachahmung. Als positive Effekte sind das Wiedererstehen des lokalen Kunsthandwerkes, die Erhaltung historischer Denkmäler und Bauwerke, die Neubelebung der traditionellen Folklore sowie der erweiterte Ausbau der Infrastruktur zu nennen. Als negative soziokulturelle Beeinflussung des Tourismus lassen sich u.a. Kriminalität, Prostitution und ein kritisches Verhalten der Bevölkerung gegenüber den ausländischen Gästen beobachten. Ein weiteres Problem stellt die ökologische Belastung des Naturraumes dar. Die Umweltschäden, die sich durch den Tourismus im Karibischen Raum ergeben, sind äußerst vielschichtig. So wird z.B. durch landseitige Einleitungen (Fäkalien, Abwässer, Konsumgüter-Abfälle etc.) und direkte Meeresverschmutzung, vornehmlich aus dem Schiffsverkehr, die Wasserqualität des Karibischen Meeres zunehmend beeinträchtigt.

Fazit: In den letzten Jahrzehnten hat sich der Karibische Raum als Zielgebiet des internationalen Tourismus deutlich weiter entwickelt. Dieser Sektor stellt heute für zahlreiche Insel-Territorien die wichtigste Devisenquelle und nahezu die einzige Chance zur Schaffung von Arbeitsplätzen dar.

Ein deutlicher Zuwachs ist beim Kreuzfahrttourismus erkennbar. Auf einigen Inseln sind die Besucherankünfte mit Kreuzfahrtschiffen höher als der landgebundene Stayover-Tourismus. Der Trend geht dabei weg vom Massentourismus hin zu einer differenzierten Marktbearbeitung (z.B. Island-Hopping, Tauch- und Golftourismus etc.). Aufgrund der Dimension, die der internationale Tourismus auf den Karibischen Inseln erlangt hat, ergeben sich jedoch Auswirkungen auf den Naturraum, die Kultur und die Tradition, wie es nahezu für jegliche Art von Tourismus in Entwicklungsländern gilt.

 

Literaturauswahl

  • Bürgi, A.: Arbeit durch Tourismus: Eine Feldstudie zur Auswirkung des Tourismus auf den Arbeitsmarkt in Entwicklungsländern am Beispiel der Karibik. Basel 1994.
  • CTO, Caribbean Tourism Organization (Hrsg.): Caribbean Tourism Statistical Report. Barbados 2003. Haas, H.-D.: Die Karibischen Staaten, in: Geographische Rundschau, Nr. 6/ 1985, S. 276-285.
  • Mather, S./ G. Todd: Tourism in the Caribbean. London 1993 (EIU Special Report, Nr. 455).
Schwerpunkt Karibik
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