David gegen Goliath ?

Indigener Widerstand in Chile

von Daniela Englert

Der Widerstand der Mapuche in Chile nimmt neue Dimensionen an. Sie kämpfen um das Land ihrer Vorfahren und stehen somit dem Staat und der transnationalen Forstindustrie im Weg.

Die Regierung trägt die Schuld, sie weiß genau, daß die Mapuche arm sind, daß sie wenig Land haben und sich nie werden entwickeln können ohne das Land. Wir werden nie ein Haus haben, so wie es sich für anständige Menschen gehört, nie werden wir die Ausbildung erhalten können, die uns zusteht. Woher denn? Es ist das Land, das einem all das geben könnte.“ So klagt Elba Menaco, Mitglied der Indianergemeinde Pascual Cona der Provinz Arauco. Ihr Mann und ihr Sohn, Avelino und Luis, werden seit über 20 Tagen in Untersuchungshaft festgehalten. Die beiden werden beschuldigt, die Scheune des benachbarten Privatbesitzers Osvaldo Carvajal in Brand gesteckt zu haben. Beweise gibt es keine. Nur vier Aussagen bezahlter Lohnarbeiter des reichen Landbesitzers, die behaupten, die beiden auf dem Weg zum Tatort gesehen zu haben. “Die werden nie gegen ihren Chef aussagen – womöglich hat er ihnen mehr Geld gegeben”, meint Elba. Avelino und Luis sind beide führende Gemeindemitglieder, die Familie stand noch nie auf gutem Fuß mit dem nachbarlichen Unternehmer. Carvajal plant ein Tourismus-Projekt rund um den Lleu-Lleu-See, in dessen Gebiet auch 18 Mapuche-Familien leben. Solche Projekte wurden bereits an anderen Orten, so in Pucon und Villarrica, durchgeführt. Man kaufte den indígenas das Land für wenig Geld ab und heute zieren Hotelfassaden die gesamte Südseite des Lago Villarrica.
Elba Menaco weiß um diesen Betrug: “Alles, was er (Carvajal) will, ist unsere Leute für sich zu gewinnen, und daß sie ihm hoffentlich das Land verkaufen. Aber mit meinem Mann konnte er das nicht machen. Wir werden von hier nicht weggehen, denn hier ist unsere Geschichte, sind unsere besetzten Ländereien, die sie uns damals entrissen haben.”

Die Geschichte der Mapuche ist die von Unterdrückung und Vertreibung, aber auch die eines kriegerischen Volkes. 300 Jahre schafften sie es als einziges Indianervolk Lateinamerikas, sich erfolgreich gegen die spanischen Eroberer zu behaupten, mit denen sie schließlich einen Grenzvertrag schlossen. Die Gebiete südlich des Rio BioBio sollten den Mapuche gehören. Die eigentliche Tragödie begann mit der Unabhängigkeit Chiles. Es begann die Hetzjagd auf die indígenas, ihre systematische Vertreibung und Ansiedlung in Reservaten. Man wollte das Land gewinnbringend an europäische Siedler verkaufen, darunter auch viele Deutsche. Diese gelten in Chile noch heute als besonders arbeitsam, wogegen in der chilenischen Gesellschaft das Vorurteil weiterbesteht, die Mapuche seien faul und versoffen. Die Diktatur Pinochets hat zur heutigen Verarmung der Mapuche einen wesentlichen Teil beigetragen. 1977 erließ der Diktator ein Gesetz (Ley 25.68), das die Aufteilung des kollektiven Landbesitzes der Mapuche verordnete. Ungefähr zweihunderttausend Hektar gingen damals in den Besitz von transnationalen Forstbetrieben über, ohne daß die ansässigen Familien dafür entschädigt worden wären. Manche verkauften freiwillig, da das Übriggebliebene kaum zum Überleben reichte. Die meisten wanderten ab in die Städte. Vor allem in den Elendsvierteln Santiagos leben sie heute, meist ihre Herkunft verheimlichend, denn wer einen Mapuche-Namen trägt, bekommt oft keinen Job. Nach einer Volkszählung aus dem Jahr 1992 leben in Chile insgesamt 1,5 Millionen Mapuche, die somit gut 10 Prozent der Gesamtbevölkerung ausmachen.

Auch die auf dem Land Gebliebenen sind verarmt. Sie leben, wie auch die Familie Menaco, von dem Wenigen, was die Landwirtschaft hergibt: Gemüse und Obst, ein paar Apfelbäume im Garten, ein paar Hühner. Ein eigenes Bett für jeden wäre schon Luxus. Hinzu kommt die Entfremdung von der eigenen Kultur: Mapudugun, die Sprache der Mapuche (‚Leute der Erde‘), wird fast nur noch von den Alten beherrscht. Gabriel, der älteste Sohn der Menacos, sucht den Zugang zur Sprache seiner Vorfahren durch das Studium an der Universität. Sprache bedeutet Identität, nicht zuletzt deshalb war Mapudugun während der Diktatur verboten.

Pinien und Eukaliptus für japanisches Papier

Die Ereignisse bei Lleu-Lleu haben im Frühjahr diesen Jahres nationales Aufsehen erregt. Mapuche-Gemeinden im ganzen Land beschlossen sich mit ihren ‚Brüdern‘ zu solidarisieren. Durch Hungerstreiks befreundeter Gruppen in den Städten Temuco, Concepción und Santiago versuchte man die Freilassung der beiden Gemeindeleiter durchzusetzen. Gleichzeitig fand das bisher größte Zusammentreffen von vierzehn Vorstehern verschiedener Indianergemeinden der Regionen Arauco und Malleco in Concepción statt, um eine nationale Lösung des Mapuche-Problems zu erreichen. Der Vorsitzende der neu gegründeten ‚Coordinadora de Comunidades en Conflicto‘, José Huenchunao, erteilte der staatlichen Indígena-Organisation CONADI eine deutliche Absage. Sie sei ihrer Pflicht, die Lage der Mapuche zu verbessern, bisher zu wenig nachgekommen. Deshalb werde man nun die Sache selbst in die Hand nehmen. Er forderte die Autonomie des eigenen Volkes und dessen Anerkennung als Nation innerhalb des chilenischen Staates. Für die Gemeinden der Region würden mindestens zusätzliche 200.000 Hektar Land benötigt – dies entspricht etwa der Größe des Saarlandes. Chile ist mit rund 757.000 Quadratkilometern mehr als doppelt so groß wie die Bundesrepublik Deutschland. In Pascual Cona bleibt jeder Familie lediglich weniger als ein Hektar Land als Lebensgrundlage. Zahlen des chilenischen Agrarministeriums zufolge, welche die Zeitschrift El Siglo im April veröffentlichte, benötigt eine Agrareinheit zur produktiven Selbsterhaltung aber mindestens 36 Hektar Land.

Das von der Coordinadora geforderte Land könnte helfen die Landflucht der verbliebenen Mapuche und damit das totale Aussterben ihrer Kultur zu verhindern. Die meist noch jungen Anführer der Protestbewegung fordern die Rückgabe von Privatland ansässiger Landwirte sowie von den großen Forstwirtschaftsunternehmen, die für die nationale Exportindustrie sehr bedeutend sind. Die gepflanzten Pinien- und Eukaliptus-Stauden werden nach einer Periode von rund zwanzig Jahren abgeholzt und zu Zellulose verarbeitet, die dann meist in Japan zu Papierherstellung verwendet wird. Die Urwälder der gesamten Region sind zum großen Teil verschwunden und Pinien und Eukaliptus trocknen den Boden aus. Abgesehen von den ökologischen Folgen bedroht auch das die Mapuche-Gemeinden: Denen, die direkt an diese Pflanzungen angrenzen, geht schon jetzt das Grundwasser aus. Alihuen Antileo, ebenfalls Mitglied der Coordinadora, sagt, worum es für sein Volk geht: “Wir kämpfen nicht nur für mehr Land um anzupflanzen, sondern darum unsere Kultur wieder aufzubauen. Für uns heißen die Alternativen entweder Vernichtung oder Überleben unseres Volkes.”

Vorfälle, wie in Pacual Cona sind zahlreich. Die Mapuche versuchen, mit Straßenblockaden, Landbesetzungen, Behinderungen der Abholzarbeiten und Demonstrationen auf ihre Lage aufmerksam zu machen und Druck auszuüben. Es kam schon mehrfach zu Bränden in den Pflanzungen oder zu Sachbeschädigungen an Forstmaschinen. Ob dafür immer die Mapuche verantwortlich sind, ist fraglich, den es besteht großes Interesse, sie öffentlich als Kriminelle darzustellen. Außerdem kassieren die Firmen hohe Versicherungssummen. Gewalt sei aber kein Mittel, vor dem die Bewegung zurückschrecke, wenn die Regierung nicht auf ihre Forderungen eingehe, erklärte Huenchunao auf dem oben erwähnten Treffen. Das sie sich so mit einem übermächtigen Goliath anlegen, zeigt die staatliche Repression bei der Polizei und Forstwirte oft gemeinsam gegen die indígenas vorgehen. In Pascual Cona waren es rund sechzig Polizisten, die anrückten, um den Sohn, der sich allein mit seinen jüngeren Geschwistern im Haus befand, festzunehmen. Noch Tage danach wurde die Gemeinde von bewaffneten Patrouillen geradezu belagert.

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