|
|
von Ulli Langenbrinck Ein Samstagabend im Frühling auf dem Malecón, Havannas Uferpromenade, unterhalb des Hotel 'Nacional'. Eine Art Open-Air-Event auf kubanische Art: Gruppen von Jugendlichen sitzen auf der Mauer, ihre Fahrräder neben sich geparkt, andere schlendern mit ihren Gettoblastern übers Trottoir, übertönt von synkopierten Bläsersätzen aus Autoradios; zwischendrin ein paar Touristen, denen sich Schwarzmarkthändler und jineteras (Gelegenheitsprostituierte) an die Fersen geheftet haben. Hier und da trommeln ein paar Kids auf Blechbüchsen, überall wird ein bißchen getanzt. Die Trommeln werden lauter: eine Gruppe weißgekleideter Menschen hat Kerzen angezündet und wirft Blumen über die Malecónmauer ins Meer, eine Opfergabe für Yemayá, die afrokubanische Meeresgöttin. Plötzlich legt sich ein unwiderstehliches Bass-Riff, gefolgt von klirrenden Bläsersätzen über den verwirrenden Klangdschungel am Malecón - die Cafetería beschallt mit Riesenlautsprechern die abendliche Szenerie. Disco-Stimmung kommt auf, gratis und draußen, fast jeder tanzt nun, allerdings ganz anders, als man es in europäischen Salsakursen lernt : Oberkörper und Beine der Kids bewegen sich in gegenläufigen Rhythmen, zusammengehalten durch kreisende Hüften und akzentuierende Armbewegungen. Jeder hier kennt die Songs der angesagten Bands auswendig, ob von Manolín, dem 'Salsa-Arzt', von der Charanga Habanera, von Paulito y su Élite, von Isaác Delgado, NG La Banda, Los Van Van oder Adalberto Álvarez. Musik ist in Kuba ein Lebensmittel, vielleicht sogar ein Überlebensmittel, und wie nahezu alle lebenswichtigen Dinge ist auch Musik fast ausschließlich gegen Dollars erhältlich. Bei einem Monatseinkommen von rund 15 US-Dollar kann sich allerdings kaum jemand CD’s oder einen Player leisten, nicht mal die Eintrittskarte für Live-Konzerte der angesagten Bands. Bleiben der Malecón, die Autoradios, oder die Cafeteria-Lautsprecher auf der Straße. Dabei kommen die Songs der kubanischen Kultbands eigentlich von der Straße; häufig karikieren sie mit schwarzem Humor das schwierige Alltagsleben, allgemein ‘la lucha’ genannt, die verschlungenen Wege - allesamt ‘por la izquierda’, also illegal - auf denen die Habaneros an die lebensnotwendigen Dollars kommen. Eine Band wie die kürzlich aufgelöste Charanga Habanera hatte deshalb auch Ärger mit der Zensur bekommen: auf ihrer letzten CD hatte sie einen berühmten Song der spanischen Band Ketama gecovert, in dem es heißt: „Wir sind nicht verrückt / wir wissen, was wir wollen/... Ich lebe gern / und gebe niemandem Erklärungen ab/ Ich bin Bohemien und Träumer... “ ('No estamos locos'). Ein an und für sich harmloser Text, der für die Charanga Habanera allerdings zu mehrmonatigem Auftritts- und Ausreiseverbot führte. Der König der Danzones Dabei war Musik in Kuba nie angepaßt. Biß und Witz, Satire und schwarzer Humor haben sich immer schon in der populären Musik ausgedrückt, und viele legendäre Sänger waren nicht nur für ihre Songs, sondern auch für ihren Witz berühmt. Zum Beispiel der 1963 gestorbene Beny Moré, charismatischer Sänger und Komponist, der mit viel Witz und Charme in der Sprache der 'einfachen Leute' schrieb und mit seinen Sones, Mambos und Boleros die populäre kubanische Musik und in der Folge die Salsa beeinflußt hat wie kaum ein anderer Musiker. Oder die Lecuona Cuban Boys, die in den dreißiger Jahren nach Paris kamen und die Nachtclubszene aufmischten und die europäischen Metropolen ins Rumbafieber versetzten. Afrokubanische Perkussionisten wie Chano Pozo revolutionierten in den vierziger Jahren den US-amerikanischen Bigband-Jazz und verhalfen Dizzy Gillespie zur Entwicklung des Bebop. Oder ‘der Monarch’ Antonio Arcaño, in den dreißiger Jahren König der Danzones. Damals spielte Arcaño mit seinem Orchester Las Maravillas jeden Abend von sieben bis acht Danzones im Radiosender Mil Diez in Havanna, gesponsort von der Seifenfirma GRAVI, für deren Zahnpasta Arcaño nebenbei Reklame machte. Heute mögen sich diese Danzones etwas zittrig und schräg anhören, was an den zahlreichen Geigen liegt, aber damals war der Danzón in den Belle-Epoque-Tanzsälen Havannas der Modetanz. Vor allem die Danzones von Arcaños Band, denn sein Bassist Orestes López hatte den Mittelteil der Danzones verlängert und stärker synkopiert. Das ganze nannte sich Mambo und war die Vorraussetzung für den Chachachá - ganz Nachkriegseuropa schob in den fünfziger Jahren mit 'Vor-Rück-Seit-Ran-Seit' übers Tanzparkett. Die New Yorker Salsa-Szene ließ sich immer schon von kubanischen Rhythmen wie Son, Bolero und Rumba inspirieren, auch und vor allem Willie Colón und Rubén Blades, die Salsa-Heroen der achtziger Jahre. Die staatliche kubanische Plattenfirma EGREM hat begonnen, diese und andere alten Schätze zu heben und sie meistbietend gegen harte Dollars an ausländische Labels zu verkaufen, was einer der Gründe für das weltweite Revival der kubanischen Musik aus den letzten Jahrzehnten ist. Ein anderer Grund dafür ist die überraschende Tatsache, daß (erst) jetzt auch das internationale Musikbusiness den schier unerschöpflichen musikalischen Reichtum der Insel entdeckt hat. Ob die Mambos und Chachachás der dancing-halls, die melancholischen Boleros gitarrenbewehrter Restaurant-Trios, das geniale spanisch-afrikanische Mischprodukt Son - Kubas Nationalrhythmus, den der Dichter Nicolás Guillén als „klingenden Rum, mit den Ohren zu trinken“ bezeichnete - oder das komplizierte Rhythmengeflecht der in den Sklavenbaracken entstandenen Rumba - all diese Tänze sind in den letzten hundert Jahren auf Kuba entstanden und haben weltweit Karriere gemacht. „Wann immer ich Jazz, Pop- oder Rockmusik höre, entdecke ich darin etwas aus Kuba,“ meinte der Komponist, Arrangeur und Orchesterchef Mario Bauzá einmal, und hatte recht. Wohl kaum ein anderes Land hat - gemessen an seiner Größe - so gewaltigen Einfluß auf die populäre Musik des 20. Jahrhunderts ausgeübt wie die karibische Zuckerinsel. Ohne die kubanischen Musiker gäbe es weder die New Yorker Salsa-Szene noch den Latin-Rock eines Carlos Santana oder die Popklänge der Miami Sound Machine. Auch wenn die ganze Karibik zu recht als Schmelztiegel gilt - Kuba spielt eine Sonderrolle. Nirgendwo sonst gibt es eine derartige Verschmelzung aus spanischen, französischen, afrikanischen und amerikanischen Elementen, die sich in immer wieder neuen Mischungsverhältnissen verbunden haben und dabei eine ungeheure Vielfalt musikalischer Ausdrucksformen entstehen ließen. Dieser Prozeß ist auch heute nicht beendet: die Kids auf dem Malecón haben absolut nichts gegen Funk, Rap oder HipHop. Im Gegenteil: alle neuen Tendenzen nehmen sie begierig auf, um sie als zusätzliche Steine kreativ in das Mosaik der eigenen Musik einzufügen. Und die weißgekleideten Menschen am Malecón - sind sie eine Ausnahmeerscheinung ? Keineswegs. Auch die zeremoniellen Rhythmen der afrokubanischen Götter haben längst den Sprung ins Nachtleben geschafft - im kubanischen Alltag sind sie ohnehin allgegenwärtig (santería), mag es der Regierung passen oder nicht. Ein populärer Bandleader wie Adalberto Alvarez outete sich als praktizierender Weissagungspriester (babalawo), so gut wie jede angesagte Band in Havanna hat mindestens einen Hit auf ihren afrokubanischen Lieblingsgott veröffentlicht - meistens ist das Changó, der Herr der Trommeln und der Erotik. Sicherheitshalber widmete die Band NG La Banda ihren Megahit ‘Santa Palabra’ vor einigen Jahren gleich allen Göttern: „Versteck deine Götter nicht,“ heißt es darin, „trage deine Ketten, kümmere dich nicht darum, was die Leute reden. Die Götter nehmen dir das Schlechte und geben dir Gutes.“
In Spanien wurde er mit der Limousine des Königs herumchauffiert und übernachtete im Palacio de la Magdalena. Eines Nachmittags in Madrid stoppte eine Polizeipatrouille nach einer Verfolgungsjagd mit eingeschaltetem Blaulicht das Taxi, in dem er saß, weil die Polizisten unbedingt ein Autogramm haben wollten. Don Francisco Repilado, genannt ‘Compay Segundo’ nimmt Respektbezeugungen dieser Art wie auch den Jubel des Publikums in der Mailänder Scala, in den renommiertesten Konzerthallen von London, Paris und Amsterdam mit listigem Lächeln und unerschütterlichem karibischen Charme entgegen, ohne je die Ruhe zu verlieren. Den alten Musiker kann so leicht nichts aus der Fassung bringen, schließlich läuft er schon seit knapp 91 Jahren durch die Welt, hat in seiner Heimat Kuba das Karussell der Diktaturen und Aufstände, Hungerzeiten, tropische Hurrikans und die Revolution Fidel Castros erlebt. Musik gemacht hat er, seit er denken kann, denn schließlich wurde er in Santiago geboren, der heimlichen Hauptstadt Kubas und der Wiege des kubanischen Nationalrhythmus Son. |