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von Philipp Hartmann Angesichts steigender Zahlen der an AIDS Erkrankten und der zunehmenden Verbreitung des Virus - besonders unter der von Armut und Analphabetismus sehr stark betroffenen Bevölkerung des Landesinneren - beschreitet die Regierung des brasilianischen Bundesstaates Ceará einen besonderen Weg in der Bekämpfung der Immunschwächekrankheit. Seit etwa einem Jahr fördern die Ministerien für Gesundheit und Kultur von Ceará das Projekt „Straßentheater gegen AIDS“. Im Mittelpunkt steht dabei das Theaterstück Auto da Camisinha (camisinha, eigentlich „Hemdchen“, wird in Brasilien das Kondom genannt) des aus Ceará stammenden Autors José Mapurunga. Benedito und Lionor, ein Paar aus dem Sertão, planen darin ihre erste Liebesnacht. Als Lionor auf dem Gebrauch der camisinha besteht, versteht der etwas naive Benedito zuerst nicht, was gemeint ist, und sucht eine Schneiderin auf. Diese klärt ihn darüber auf, um welches Hemdchen es sich handelt - „a camisinha que se usa na piroca“. Jedoch erscheint nun der Teufel, gibt sich als Heiliger Pergentino aus und erklärt Benedito, daß mit Kondom das Vergnügen nur halb so groß sei. Convence a moça com jeito Bendito erscheint daraufhin zur verabredeten Stunde ohne camisinha und wird von Lionor zurückgewiesen. Verzweifelt ruft er seinen Schutzengel zu Hilfe, der auch erscheint und ihn über die Gefahr von AIDS aufklärt, was Bendito schließlich überzeugt. Da er allerdings nicht weiß, wie er das Kondom benutzen soll, wendet er sich an seinen Patenonkel: É que nunca me ensinaram Nachdem der Patenonkel eindrucksvoll unter Zuhilfenahme eines Holzpenisses Benedito und dem Publikum die Handhabung der camisinha demonstriert hat, steht dem happy end der Geschichte von Lionor und Benedito nichts mehr im Wege und der Erzähler wendet sich mit der Moral der Geschichte ans Publikum: Tenham sempre na cabeça Mapurunga schöpft, was formale und Stilelemente angeht, mit dem Auto da Camisinha aus dem Fundus der im Nordosten Brasiliens traditionsreichen Literatura de Cordel. Aber vor allem auch die einfache und direkte Sprache macht das Stück breiten Kreisen der Bevölkerung, namentlich der ländlichen Unterschicht, zugänglich. Diese Sprache nimmt bezüglich der Thematik des Autos keineswegs ein Blatt vor den Mund, was sich unter anderem in einer ganzen Bandbreite von verschiedenen alltagssprachlichen Bezeichnungen der Geschlechtsorgane manifestiert. Ziel des Stückes ist es dementsprechend auch nicht, die Gefahr von AIDS in einem puritanischen Sinne zu behandeln, sondern auf einer humoristischen Ebene eine Lobpreisung der Liebe und der Sexualität zu vollführen. Dabei wenden sich die Figuren der Handlung bisweilen auch direkt ans Publikum, fragen die Zuschauer nach ihrer Meinung oder bitten gar um Hilfe etwa bei der Benutzung des Kondoms. Neben dieser Nähe zum Publikum vereint das Auto da Camisinha zwei essentielle Funktionen des Theaters - die, zu unterhalten und die, zu erziehen - und steht damit in einer langen Tradition, zusammen mit z.B. den religiösen Autos des Mittelalters. Das Projekt „Straßentheater gegen AIDS“ hat in seinem einjährigen Bestehen eine rapide Verbreitung erfahren. Im September 1998 ist die Anzahl der Gruppen, die das Auto da Camisinha in den verschiedenen Gemeinden Cearás aufführen, auf 28 angewachsen. In über 500 Aufführungen haben bis dahin etwa 100.000 Menschen das Stück gesehen. Inzwischen wurde das Auto auch als Video sowie als Radionovela produziert und bereits zweimal fand ein Ceará-weites Treffen „Straßentheater gegen AIDS“ statt, zuletzt im September in Fortaleza. Hierbei führten 21 Gruppen ihre Umsetzungen des Stückes auf und tauschten gleichzeitig ihre Erfahrungen aus. Ferner dienten die beiden Treffen aber auch der Schulung der verschiedenen Theatergruppen, sowohl was Theater an sich, als auch was Themen wie AIDS und Gesundheit angeht. Neben dieser Betreuung erhalten die Gruppen, die Namen wie „Trupe Caba de Chegar“ oder „Companhia Teatral Fulanos e Tais“ tragen, jedoch auch finanzielle Unterstützung bei der Umsetzung des Stückes von der Secretaria de Saude Cearás. Dafür kann die Secretaria ihren örtlichen Vertretungen ein fertiges „Produkt“ im Kampf gegen AIDS anbieten. Nebenbei hat das Projekt noch eine besondere Wirkung auf das kulturelle Leben in den Gemeinden des Landesinneren, indem es schlafende Kräfte des Theaters weckt und beflügelt, wie der Kritiker Oswald Barroso schreibt, und die Schauspieler gleichzeitig zu einem sozialen Engagement anregt. Der Erfolg der Initiative zeigt sich letztlich aber vor allem beim Publikum. Mapurunga, der Autor des Auto da Camisinha berichtet von grossem Interesse in allen Teilen Cearás. Besonders in den ärmsten und am stärksten von Analphabetismus betroffenen Kreisen bleiben die Zuschauer auch nach dem Ende des Stückes und bitten die Schauspieler um Informationen - über AIDS und über die camisinha - und geben so den Initiatoren des Straßentheaters recht. Vielleicht, so schreibt Barroso, liegt hierin der Wegweiser für das Theater am Ende dieses Jahrtausends und am Beginn des nächsten: statt eines komerziellen, am Markt orientierten Theaters, ein künstlerisches zu sein, das eng mit dem Leben verbunden ist und sich für das Schicksal der Menschen engagiert. |