Von Melancholie, Mord, Macht und Menschlichkeit

Antonio Tabucchi: Der verschwundene Kopf des Damasceno Monteiro

von Kirsten Schöning

Eigentlich gerät der junge Boulevardreporter Firmino eher widerwillig in die verstrickte Geschichte, die der grausige Fund eines aus dem Fluß gefischten, aufgequollenen Menschenkopfes nach sich zieht. Aber die Story verspricht Rekordauflagen und so macht sich der Reporter von Lissabon in "die Provinz" nach Porto auf, wo er auf versteckten Pfaden immer näher an die wahren Hintergründe des Geschehens geführt wird. Antonio Tabucchi hat mit diesem Buch einen Krimi geschrieben, doch es geht- wer hatte bei diesem Autor anderes erwartet?- natürlich auch um mehr.

Wir schreiben das Jahr 1996. Tabucchi konfrontiert den jungen Journalisten und Literaturwissenschaftler, der sich als Lukacs-Anhänger einführt, mit einem verschrobenen, aristokratischen Anwalt, der zwar ein radikaler Skeptiker ist und das Böse überall vermutet, dennoch als Anwalt der Armen eine Menschlichkeit zu verteidigen sucht, die die Justiz längst verloren hat. Die beiden gegensätzlichen Ermittler decken hinter den Fassaden der demokratischen Ordnung in Portugal eine Seilschaft auf, die mit allen Mitteln ihre Herrschaft des Geldes und der Macht zu erhalten sucht. Schilderte Tabucchi in seinem vorigen Roman Erklärt Pereira den "Aufstieg" eines fraglosen Untertanen des Totalitarismus zum Rebellen, so geht er diesmal den Weg hinab und erblickt unter der scheinbaren Ordnung der Gegenwart eine antidemokratische Unmenschlichkeit. Übrigens: Dem Roman liegt eine wahre Begebenheit mit Übergriffen der Guardia Nacional Republicana zugrunde.

Dem Schriftsteller Antonio Tabucchi, der an der Universität von Siena portugiesische Sprache und Literatur lehrt, ist hier wieder ein Werk gelungen, das nicht plakativ und belehrend, sondern voll feiner Ironie und hintergründigen Anspielungen daherherkommt. Er schreibt mit einer leichtlebigen Melancholie, die viel besser als jeder erhobene Zeigefinger seine Besorgnis über die noch immer nicht besiegte Macht der "Herren im Staat im Staate" zum Ausdruck bringt. Man kann das Buch aber auch einfach als Geschichte genießen, als Politkrimi, in dem nichts von vornherein sicher ist. Und so fordert das Buch auch vom Leser, was Tabucchi anmahnt: Aufmerksamkeit und Wachsamkeit.

Antonio Tabucchi: Der verschwundene Kopf des Damasceno Monteiro. Roman.
Aus dem Italienischen von Karin Fleischanderl. Hanser Verlag, München, 1997. 251 Seiten. 39,80 DM.

Home Mail