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von Maria Isabel Raposo Manchmal ist es schier unerklärlich, weshalb Werke bedeutender Autoren nicht übersetzt werden. Besonders bedauerlich ist dies hinsichtlich des Werks von Urbano Tavares Rodrigues. Angesichts der Tatsache, daß der Schriftsteller und Essayist in Portugal zu den ganz Großen gezählt wird, seit 35 Jahren veröffentlicht und sein umfangreiches literarisches uvre nunmehr fast drei Dutzend Romane, mindestens zwei Dutzend Essays sowie über ein Dutzend Kurzprosa und Reiseberichte umfaßt, ist es wirklich verwunderlich, weshalb lediglich ganze drei (in Zahlen: 3) Romane in deutscher Übersetzung vorliegen. Welchen Marktgesetzen dieser Sachverhalt auch immer unterliegt: ein kleiner Verlag in Erkelenz zeigt Pioniergeist. Nachdem die beiden einzigen (in der Ex-DDR) übersetzten Urbano-Romane Bastarde der Sonne und Der schwarze Karneval nun schon seit längerem vergriffen sind, wagte der Altius Verlag den Sprung ins kalte Wasser und warf Curt Meyer-Clasons Übersetzung des Romans Die Hitzewelle pünktlich zur Frankfurter Buchmesse auf den gesamtdeutschen Buchmarkt.
Inhaltlich dreht sich alles um die Implikationen einer unerträglichen
Hitzewelle auf die Bewohner eines sechsstöckigen Mietshauses.
Binnen sechs Tagen erwärmt sich die Stadt von 38 auf 50°
C. Innerhalb der Bevölkerung macht sich Panik und Hysterie
breit. Das sonst so geordnete, friedliche Dasein wird überschwemmt
von einer Welle des Chaos und der unkontrollierten, zügellosen
Gewalt. Aus den verschiedenen Blickwinkeln der Mietshausbewohner
schildert der Erzähler die unter der Hitze zunehmende Anspannung.
Die Erzählperspektive schaltet zwischen allwissendem und
wechselnden Ich-Erzählern hin und her. Menschen, die sich
kaum kennen kommen ins Gespräch, andere, die sich gut kennen,
gehen sich aus dem Weg. Die veränderten Temperaturverhältnisse
ergeben eine zwangsläufige, beklemmende Veränderung
der Lebensverhältnisse, die Annäherungen in Haß,
Liebe und Haßliebe zur Folge haben. Es herrscht eine Art
Ausnahmezustand, der erst aufgehoben wird, als es am 7. Tag endlich
zu regnen beginnt.
Der atmosphärisch dichte Roman von 1986 gehört zu den
Meisterwerken des portugiesischen Vorzeige-Existentialisten und
ist eine Allegorie der menschlichen Befreiung auf körperlicher,
ethischer, sozialer und politischer Ebene (Verbindungen zu gesellschaftlichen
Ursachen und Wirkungen des Salazar-Regimes können durchaus
gezogen werden). Bleibt zu hoffen, daß die Übersetzung
dieses Buches der Auftakt zu weiteren Urbano-Übertragungen
ins Deutsche ist.
Urbano Tavares Rodrigues: Die Hitzewelle.
Aus dem Portugiesischen von Curt Meyer-Clason.Erkelenz, Altius
Verlag, 1997. 168 Seiten. DM 26,80. |