Von der alten in die neue Heimat

Deutsche Auswanderer auf dem Weg nach Lateinamerika

von Christoph Strupp

Lateinamerika spielte für die Emigranten erst ab den 1820er Jahren und in viel geringerem Maße als die USA eine Rolle. Was trieb die Menschen zum Verlassen ihrer Heimat? Wie entschieden sie, wohin sie gehen sollten? Welche Probleme mußten sie nach dem Entschluß zur Auswanderung bewältigen? Wie gelangten sie in die Neue Welt, und was erwartete sie dort?

Die Zahlen für die deutsche Auswanderung nach Mittel- und Südamerika reichten nie an die für die USA heran. Schätzungsweise 90 Prozent aller deutschen Auswanderer zog es dorthin - in den 1880er Jahren bis zu 250.000 Menschen jährlich! Dagegen wanderten in das wichtigste Aufnahmeland im Süden, Brasilien, in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts nie mehr als 5.000-10.000 Menschen pro Jahr ein. Zu einer Massenauswanderung kam es hier erst in den 20er Jahren dieses Jahrhunderts mit insgesamt 55.000 Emigranten. Weitere 45.000 Menschen gingen in diesem Jahrzehnt nach Argentinien. Für die anderen Länder sind die Zahlen im 19. Jahrhundert noch wesentlich niedriger.

Im 19. Jahrhundert veränderte sich in Deutschland die Bevölkerungspyramide durch das Zusammenwirken traditionell hoher Geburtenraten und steigender Lebenserwartung. Gleichzeitig kam es zu einem grundlegenden Wandel der Arbeitswelt durch die Industrialisierung. Beide Prozesse verliefen nicht linear und waren regionalen Schwankungen unterworfen. Sie führten immer wieder zu krisenhaften Zuspitzungen für einzelne soziale Gruppen oder Regionen, die den Menschen ein Verbleiben in der alten Heimat aussichtslos erscheinen ließ. Es waren weniger die akuten Versorgungskrisen, die bis zur Jahrhundertmitte periodisch auftraten, sondern die - vermeintlich oder tatsächlich - fehlenden sozialen Perspektiven, die den ersten Anstoß zur Idee der Auswanderung gaben. Allerdings versuchte stets nur ein Teil der Menschen, die von dieser Entwicklung betroffen waren, dann tatsächlich durch Emigration sein Schicksal zu verbessern. Abenteuerlust bzw. der Traum von einem freien, ungebundenen Leben kamen ebenso hinzu wie das Vorbild erfolgreicher Auswanderer aus dem persönlichen Umfeld, denn eher die Regel als die Ausnahme war die Kettenwanderung, d.h. der Zuzug in Orte oder Gegenden, in denen man bereits Verwandte oder zumindest Gemeindemitglieder kannte und durch Briefe und Berichte mit der Situation einigermaßen vertraut war.

Es dominierte die Einzel- bzw. Familienwanderung, während die Gruppenwanderung, die vor allem bei religiös motivierter Emigration vorzufinden ist, im 19. Jahrhundert nur noch eine untergeordnete Rolle spielte. Generell wanderten mehr Männer als Frauen aus. Die Mehrheit war zwischen 15-40 Jahre alt, befand sich also im besten Arbeitsalter, und gehörte den Unterschichten bzw. unteren Mittelklassen an. Geographisch dominierte als Auswanderungsgebiet, wie schon in den Jahrzehnten zuvor, zunächst der deutsche Südwesten. Hier verödeten vereinzelt komplette Dörfer. Ab den 1860er Jahren verschoben sich die Schwerpunkte über Mitteldeutschland in den Nordosten, der das Gros der Auswanderer ab 1880 stellte. Zur Zeit der Weimarer Republik spielten dann Baden und Württemberg wieder eine größere Rolle. Wanderten zunächst vor allem Kleinbauern sowie kleine Gewerbetreibende und Handwerker aus, so bestimmten um die Jahrhundertwende Angehörige des sekundären und tertiären Sektors das Bild. Neben anderen Ursachen trägt auch dies zur Erklärung des Gefälles zwischen den USA und Lateinamerika bei: Angesichts der ländlichen Strukturen hatten dort Industriearbeiter, Tagelöhner und Dienstboten kaum Möglichkeiten. Parallel dazu ging die Familienwanderung zurück, bis in der Weimarer Republik schließlich zwei Drittel der Emigranten Einzelwanderer waren.

Die Behörden machten für die grassierende "Auswanderungssucht" nicht zuletzt übertriebene Erfolgsberichte und die Werber verantwortlich, aber deren Bedeutung sollte nicht überschätzt werden. Zwar konnten Werber immer wieder spektakuläre Einzelerfolge erzielen - wie jener Major Schäffer, der ab 1824 mehrere tausend Deutsche als Siedler bzw. als Soldaten für den Aufbau einer Fremdenlegion nach Brasilien holte -, aber niemand, der mit dem Leben in seiner Heimat zufrieden war, konnte zur Emigration "verführt" werden. Die Werber konnten lediglich den Anstoß dazu geben, Wunschträume in Taten umzusetzen und die Auswanderungswilligen auf bestimmte Länder und Regionen lenken. Dabei war Lateinamerika den USA bis ins 20. Jahrhundert weit unterlegen. Zwar vervierfachte der Subkontinent seine Bevölkerung zwischen 1850 und 1930, aber die Masse der Immigranten stammte aus Südeuropa. Obwohl die Deutschen nicht in derselben Weise wie Südeuropäer oder Engländer über sprachliche und kulturelle Bindungen an ein bestimmtes Aufnahmeland verfügten, standen ihnen doch die USA näher. Für sie waren die Chancen zum sozialen Aufstieg wichtig - dies bedingte politische und wirtschaftliche Stabilität und eine offene Gesellschaft. Gerade daran mangelte es in Lateinamerika. Abschreckende Beispiele wie das Schicksal der 1842/43 gegründeten Schwarzwälder-Kolonie Továr in Venezuela, die 1870 vom Bürgerkrieg schwer in Mitleidenschaft gezogen wurde, das als ausbeuterisch empfundene brasilianische Halbpachtsystem oder die nicht gewährleistete Religionsfreiheit wurden in der Presse breit diskutiert. Dem konnten positive Berichte über die Weite des Landes, das gute Klima, die freundliche Bevölkerung und die allgemein glänzenden Aussichten für arbeitswillige Neuankömmlinge nur bedingt entgegenwirken.

Auch im 20. Jahrhundert spielt die Emigration aus Furcht vor sozialem Abstieg noch eine Rolle. Dies gilt besonders für die Zeit nach den beiden Weltkriegen. Daneben finden sich aber immer mehr andere Emigrationsformen, so die Emigration aus politischen Gründen während der NS-Zeit, und die Flucht von Nationalsozialisten über Italien nach Südamerika ab 1945. Einen eigenen Bereich bildet auch die nicht unerhebliche Einzelauswanderung wohlhabender Geschäftsleute, die sich ökonomisch weiter verbessern wollten.

Die Politik der Heimat- und der Zielländer

Generell standen die deutschen Einzelstaaten der Auswanderung ihrer Bürger kritisch gegenüber, aber im 19. Jahrhundert war sie nirgendwo mehr förmlich verboten. Während z.B. Preußen und Österreich, die für ihre östlichen Landesteile selbst um Siedler warben, die Auswanderung restriktiver regelten und auch schärfer gegen Werber vorgingen, verfolgten die süd- und südwestdeutschen Staaten spätestens seit der Hungerkrise von 1816/17 eine liberale Politik. Zu einer gesamtdeutschen Regelung kam es erst 1897 mit dem "Reichsgesetz über das Auswanderungswesen".

Auswanderungswillige mußten bei ihrer Gemeinde eine Genehmigung - einen "Konsens" - einholen, der nicht erteilt wurde, wenn es sich um Wehrpflichtige, Schuldner oder Familienväter mit versorgungspflichtigen Angehörige handelten. Diese Bestimmungen wurden im Lauf der Zeit mehrfach revidiert und gelockert. Nachdem 1867 für Auswanderer die Paßpflicht aufgehoben wurde, ließen sie sich ohnehin nicht mehr wirksam kontrollieren. Ansonsten beschränkte man sich von staatlicher Seite darauf, durch den Ausbau des Konsularwesens und Übereinkünfte mit den wichtigsten Zielländern negativen Auswüchsen des Auswandererwesens, die in regelmäßigen Abständen durch die Presse gingen, zu begegnen.

Obwohl die Behörden es als Teil ihrer Fürsorgepflicht für die Bürger ansahen, vor allem auf die Nachteile der Auswanderung aufmerksam zu machen, nutzten viele Gemeinden die Emigrationswellen auch, um straffällig gewordene oder der Armenhilfe zur Last fallende Personen abzuschieben. In diesem Fall kam die Gemeinde sogar für die Transportkosten auf.

Die öffentliche Diskussion der Auswandererfrage erreichte einen ersten Höhepunkt in den 1840er Jahren und vermischte sich in den 1880er Jahren mit der Kolonialfrage. Ihr lagen unterschiedliche Überlegungen zugrunde: Teilweise begrüßte man vor dem Hintergrund der zeitgenössischen Revolutionsfurcht die Auswanderung als ein willkommenes Ventil für den zunehmenden sozialen Druck. Andere kritisierten dagegen das "Ausbluten" des deutschen Volkes durch den Wegzug und die rasche Assimilierung, vor allem in den USA. Sie forderten den Schutz der Auswanderer in der Fremde und eine staatliche Steuerung: "Die Ablenkung des deutschen Auswanderer-Stromes von Nord- nach Südamerika, das ist die Lösung der deutschen Auswanderungsfrage ..." - so Wilhelm Breitenbach 1887. Er wollte nicht die in Deutschland Gescheiterten sondern im Gegenteil nur die "Besten" in kleinen Gruppen auswandern lassen. Auf solche Wünsche, denen die Vorstellung zugrunde lag, durch geschlossene deutsche Siedlungsgebiete in Brasilien einen quasikolonialen Ersatz für fehlende eigene Kolonien zu schaffen, ging die Politik allerdings nicht ein. Gegenläufige Steuerungsversuche wie das Reskript des preußischen Handelsministers von der Heydt, das 1859 die Werbung für die Auswanderung nach Brasilien verbot - nicht die Auswanderung selbst, beeinflußten den Strom der Auswanderer ebenfalls nur unwesentlich.

Nachdem sich die Auswandererfrage vor dem Ersten Weltkrieg weitgehend erledigt zu haben schien, flammte die Diskussion nach 1918 gerade in Deutschland noch einmal massiv auf und lenkte angesichts zunehmender US-amerikanischer Einreisebeschränkungen die Aufmerksamkeit erneut auf Lateinamerika.

Dies verdeutlicht bereits, daß Auswanderung nicht nur von Push-Faktoren - den Verhältnissen zu Hause - sondern auch von Pull-Faktoren in den Zielländern beeinflußt wird. Die unter spanischer und portugiesischer Herrschaft stehenden Länder Mittel- und Südamerikas waren bis zu Beginn des 19. Jahrhunderts für Einwanderer, die nicht aus den Mutterländern stammten, kaum zugänglich. Dies sollte "ketzerische Ideen" - vor allem den Protestantismus - fernhalten, aber auch verhindern, daß andere an dem kolonialen Reichtum partizipierten. Dementsprechend finden sich in den ersten Jahrhunderten nur vereinzelt Deutsche in Lateinamerika: bereits 1530 Beauftragte der Handelshäuser der Fugger und Welser in Venezuela, ab 1661 jesuitische Missionare im Amazonasgebiet, Mitte des 18. Jahrhunderts deutsche Offiziere als Militärberater an der Nordgrenze Brasiliens sowie eine größere Zahl deutscher Geographen und Naturforscher, von denen Alexander von Humboldt der bekannteste ist. Auch wenn viele dieser Deutschen faktisch Einwanderer waren und den Rest ihres Lebens in der neuen Welt verbrachten, so muß man sie doch deutlich von der Massenauswanderung aus politischen, religiösen oder wirtschaftlichen Motiven unterscheiden, die bereits im 18. Jahrhundert in mehreren Wellen tausende Deutsche in die nordamerikanischen Kolonien geführt hatte.

Im Gefolge der napoleonischen Eroberung der iberischen Halbinsel erkämpften sich die südamerikanischen Kolonien bis 1825 ihre Unabhängigkeit und änderten auch ihre Eiwanderungspolitik. Relativ rasch hatte sich gezeigt, daß ein wirtschaftlicher Aufstieg und der dringend erforderliche Ausbau der Infrastruktur der neuen Länder auf der Basis der bisher üblichen Sklavenwirtschaft nicht zu erreichen war. Die in den folgenden Jahrzehnten in ganz Südamerika durchgesetzten Verbote der Sklaverei verschärften den Arbeitskräftemangel.

In Brasilien war bereits 1818 ein Dekret erlassen worden, daß die deutsche Einwanderung fördern sollte, aber noch auf Katholiken beschränkt war. In den folgenden Jahrzehnten entstanden mit Nova Friburgo, Leopoldinia, São Leopoldo sowie Siedlungen in Rio Grande do Sul und St. Catharina (darunter Blumenau) eine ganze Reihe kleinbäuerlich geprägter deutscher Kolonien, die teilweise unmittelbar als Regierungskolonien, teilweise als Privatkolonien mit staatlichen Garantien gegründet worden waren. In diesen Zusammenhang gehören die Aktivitäten privater Kolonisationsgesellschaften - z.B. der 1849 in Hamburg gegründete Kolonisationsverein für Südbrasilien -, deren Projekte unterschiedlich erfolgreich waren. Dazu trug die ständig schwankende brasilianische Einwanderungspolitik bei: Waren 1830 per Gesetz Ausgaben für die Einwanderung abgelehnt worden, bemühte man sich 1847-55 wieder besonders intensiv um die Gewinnung neuer Arbeitskräfte. Dekrete von 1867 und 1890 stellten den Reedern sogar Prämien und den Immigranten freie Überfahrt in Aussicht, während 1895 die Übertragung der Fürsorge auf die (armen) Bundesstaaten faktisch das Ende jeder Förderung bedeutete. Eine 1897 eingesetzte "Verifikationskommission" enteignete Einwanderer aufgrund angeblich unrechtmäßig erworbener Besitztitel. Darauf folgte 1907 wieder ein liberales Einwanderungsgesetz, und auch nach dem Ersten Weltkrieg wurde im Gegensatz zu den Alliierten die Einwanderung Deutscher nicht beschränkt. Allerdings schloß man 1919 erstmals bestimmte ("unproduktive" oder gefährliche) Personen aus, forderte ab 1924 den Nachweis von Mitteln zur Selbsterhaltung und führte 1934 ein Quotensystem sowie das Verbot geschlossener fremdsprachiger Ansiedlungen ein.

Der harte Weg von der Abreise bis zur Ankunft

Über diese nicht unwesentlichen Hintergründe waren die potentiellen Auswanderer vor allem im 19. Jahrhundert meist nur unzureichend informiert. War der Entschluß zur Auswanderung einmal gefaßt, besorgte man sich zunächst eine "Entlassung aus dem Untertanenverband", einen Reisepaß und möglichst im voraus über eine Schiffahrtsagentur einen Fahrschein, den "Schiffs-Accord", um nicht von Preissteigerungen überrascht zu werden. Von der eigenen Habe wurde nur das Nötigste mitgenommen, der Rest - häufig unter Wert - zu Geld gemacht. Der Abschied von der Dorfgemeinschaft und zurückbleibenden Familienangehörigen konnte sehr unterschiedlich verlaufen. Zeitgenössische Schilderungen berichten von fröhlichen Abschiedsfesten, aber auch von Abreisen in der Nacht, um den Trennungsschmerz zu mildern.

In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts ermöglichte die Eisenbahn einen relativ bequemen und zügigen Transport in die norddeutschen Häfen Bremen und Hamburg und gewährte Auswanderern bis 1872 sogar Preisnachlässe. Vorher war bereits dieser erste Teil der Reise mit Mühen und Gefahren sowie Kosten durch Übernachtungen verbunden. Daß viele Deutsche zunächst über Antwerpen, Le Havre oder Rotterdam auswanderten, hing auch damit zusammen, daß sie vom Süden und Westen aus über den Rhein günstig zu erreichen waren. Bremen und Hamburg bildeten aber in der Anfangszeit 1824-1830 gerade für die deutsche Brasilienauswanderung wichtige Durchgangsstationen. In den 1850er und 60er Jahren reisten in den Spitzenjahren immerhin 5-10 Prozent der Auswanderer - bis zu 3.500 Menschen jährlich - nach Brasilien.

Die norddeutschen Reeder hatten früh erkannt, daß es ein gutes Geschäft war, die leeren Schiffe auf der Hinreise in die Neue Welt mit Auswanderern zu füllen. 1832 erließ Bremen eine erste Verordnung über die Auswanderung, die dem Schutz der Emigranten, aber auch dem Schutz des Staates angesichts der "Unzuträglichkeiten, welche durch das Eintreffen mittelloser Personen entstehen können", diente. Die Reeder wurden zur Stellung seetüchtiger Schiffe und zur Verproviantierung der Reisenden verpflichtet. Hamburg folgte mit ähnlichen Vorschriften 1837. Um der Geschäftemacherei obskurer Wirtshäuser und Ausrüster zu begegnen, richtete Bremen 1851 ein eigenes "Nachweisungsbüro" für Auswanderungswillige ein, das bald auch Unterkünfte mit Mindeststandards vermittelte. Die deutschen Nordseehäfen genossen zu Recht einen relativ guten Ruf - so mußten die Reisenden bei Fahrten von ausländischen Häfen aus nach wie vor oft selbst für die Verpflegung sorgen -, aber dennoch wanderten bis zum Ersten Weltkrieg gut 25 Prozent der Emigranten über fremde Häfen aus. Erst in der Weimarer Republik gelang es den deutschen Häfen, praktisch die gesamte Auswanderung abzuwickeln.

Die Überfahrt in die Neue Welt stellte für die meisten Auswanderer ein einmaliges Abenteuer dar. Nach Südamerika dauerte die Reise 2-3 Monate und war damit länger und teurer als in die USA. Die deutschen Siedler, die sich 1823 in Nova Friburgo niederließen, hatten auf einem holländischen Schiff sogar volle vier Monate verbringen müssen. So lange Zeit auf einem unruhig schlingernden Segelschiff im Zwischendeck über dem Laderaum oder in der dritten Klasse eingesperrt zu sein - ohne frische Verpflegung und die Möglichkeit, gewohnten Tätigkeiten nachzugehen - bedeutete eine erhebliche psychische und physische Strapaze. Dazu litten die meisten Passagiere unter Seekrankheit. Auf beinahe jeder Fahrt gab es Tote, allerdings dürfen Berichte über Reisen, bei denen ein Fünftel der Passagiere die Fahrt nicht überlebte, nicht verallgemeinert werden. In der Regel waren die Reeder daran interessiert, ihren Ruf bei nachfolgenden Ausreisewilligen nicht zu verspielen. Die Situation verbesserte sich im Lauf des 19. Jahrhunderts außerdem grundlegend mit der Einführung von Dampfschiffen, die ab 1880 den Standard bildeten und die Dauer der Reisen auf ein Drittel verkürzten. Die Einrichtung von Liniendiensten mit festen Abfahrtsterminen machte die Reisen kalkulierbarer. Zu dieser Zeit war es für Südeuropäer bereits nicht ungewöhnlich, als Saisonarbeiter nach Südamerika zu gehen, die Überfahrt also sogar mehrfach zu machen.

Nach der Ankunft, die für Auswanderer nach Brasilien in aller Regel in Rio erfolgte, mußte sich herausstellen, was die Versprechen der Werber und Auswanderungsagenten und die optimistischen Schilderungen in den Briefen vorausgereister Bekannter und Freunde wirklich wert waren. Oft stellte bereits die unvermeidliche Wartezeit auf den Weitertransport in Rio eine harte Bewährungsprobe dar. Man empfahl den Reisenden, sich im Frühjahr einzuschiffen, um im brasilianischen Winter langsam mit dem Klima vertraut zu werden. Viel hing davon ab, in welche Gegenden es die Kolonisten verschlug und ob sie auf eigene Rechnung gekommen waren, also darauf hoffen konnten, ihr neues Leben als freie Siedler zu beginnen, oder ob ein Großgrundbesitzer für sie bezahlt hatte und sie die folgenden Jahre unter den Bedingungen des Halbpachtsystems ihre Schulden abtragen oder gar als Arbeiter auf den Kaffeeplantagen São Paulos arbeiten mußten. Die Berichte des Bremer Generalkonsuls Stockmeyer aus den vierziger Jahren geben ein anschauliches Bild von den unterschiedlichen Entwicklungen der Siedlungsgebiete: Dem blühenden Nova Friburgo standen die völlig verarmten Siedler in Petropolis gegenüber. Im Unterschied zu den USA gab es in Brasilien kaum Möglichkeiten, sich zunächst als Lohnarbeiter auf dem Land zu verdingen und so die Verhältnisse langsam kennenzulernen.

Allerdings hingen nicht alle Schwierigkeiten, auf die die Auswanderer in der Neuen Welt stießen, mit dem Zielland zusammen. Die selbstverschuldeten Probleme veranlaßten Adolf Schramm vom Hamburger Kolonisationsverein schon 1846 zu der Bemerkung: "Deutsche Auswanderer sind oft so unbeholfen wie 'neue Neger' und eigensinnig wie Maultiere."

Literaturhinweise:

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Breitenbach, Wilhelm: Die deutsche Auswanderung und die Frage der deutschen Kolonisation in Süd-Brasilien. In: Schmollers Jb 11(I)/1887, S.233-299.

Helbich, Wolfgang J.: "Alle Menschen sind dort gleich ...". Die deutsche Amerika-Auswanderung im 19. und 20. Jahrhundert. Düsseldorf 1988.

Hoerder, Dirk: Auswandererverschiffung über Bremen/Bremerhaven: Staatliche Schutzmaßnahmen und Erfahrungen der Migranten. In: Zs für Kulturaustausch 39/1989, S.279-291.

Kellenbenz, Hermann/ Schneider, Jürgen: La emigración alemana a américa latina desde 1821 hasta 1930. In: Jahrbuch GSWG Lateinamerikas 13/1976, S.386-403.

Marschalck, Peter: Social and economic conditions of European emigration to South America in the 19th and 20th centuries. In: Jahrbuch GSWG Lateinamerikas 13/1976, S.11-19.

Sudhaus, Fritz: Deutschland und die Auswanderung nach Brasilien im 19. Jahrhundert. Hamburg 1940.

Wätjen, Hermann: Die deutsche Auswanderung nach Brasilien in den Jahren 1820-1870. In: Weltwirtschaftliches Archiv 19/1923, S.595-609.

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