"Träumend ein Gott, denkend ein Bettler..."

Über die Geheimnisse sinnlicher Freuden und Phobien - Mario Vargas Llosas neuer Roman Los cuadernos de Don Rigoberto

von Britt Diegner

Als kleines Schatzkästchen oder große Pinakothek sinnlicher Vorstellungskraft, als imaginatives Museum der schönen Künste und Fiktionen wird der neue Roman von Mario Vargas Llosa auf dem Buchmarkt angepriesen und schraubt die Lesererwartungen in die Höhe.

Gleich nach den ersten Sätzen findet man sich in der Oberschicht Limas, der Welt des mittlerweile getrennt lebenden Ehepaares Don Rigoberto und Lucrecia wieder, wie sie einigen Lesern noch aus Elogio de la madrastra (dt.: Lob der Stiefmutter) vertraut ist. Nach der tabubrechenden Verführung Lucrecias durch das engelshaft-diabolische Stiefsöhnchen Fonchito nimmt dieses in Los cuadernos de Don Rigoberto heimlich den Kontakt zu seiner geliebten Stiefmutter wieder auf, um eine neue "Intrige" anzubändeln - diesmal die Versöhnung des sich vor Sehnsucht nacheinander verzehrenden Paars. Über seinen Besuchen bei Lucrecia und deren Dienstmädchen Justiniana schwebt die morbid-erotische Atmosphäre der Aktzeichnungen Egon Schieles, mit dessen Schicksal und Werk das Kind überraschend gut vertraut ist, und mit dem es sich zunehmend identifiziert. Daß die ambivalente Ausstrahlung Fonchitos und die düstere erotische Atmosphäre von Schieles Bildern die Oberfläche des Geschehens nur subtil bestimmen, dafür sorgen die in alter Manier meisterhaft eingesetzten Details des peruanischen (bourgeoisen) Alltags, und nicht zuletzt auch die erfrischend bodenständige Figur Justinianas, deren "chancays tostados" unübertroffen bleiben. Die nachmittäglichen Besuche Fonchitos bilden den Rahmen des Geschehens und wechseln sich mit den Heftaufzeichnungen Don Rigobertos ab. Neben individualistischen Manifestationen voll satirischer Polemik regiert hier die erotische Imaginationskraft und Liebe zur Kunst des im realen Leben bürgerlich abgesicherten Versicherungsangestellten.

Der Leser kann nicht umhin, in das Schmunzeln, das Vargas Llosa beim Schreiben empfunden hat, miteinzustimmen, beispielsweise wenn es in einem fiktiven Brief an eine Umweltorganisation heißt: "...saber que en los Estados Unidos hay sesenta y tres millones de gatos y cincuenta y cuatro millones de perros domésticos me alarma más que el enjambre de armas atómicas almacenadas en media docena de países de la ex-Unión Soviética". Allerdings blickt in den in Briefform verfaßten Stellungnahmen zu Sport, Rotary-Club u.a. die Absicht allzu leicht durch, auch das breite Spektrum menschlichen Lebens (jenseits von Erotik) nicht zu vernachlässigen. Nichtsdestotrotz verficht Don Rigoberto in ihnen witzig und provokativ die Lebensauffassung, in der ein Hedonismus der Moderne um Schiele mit einem postmodernen Individualismus (in kritischer Absicht?) eine Verbindung eingegangen zu sein scheint. In der Mehrzahl der Aufzeichnungen läßt Don Rigoberto, dessen eigentümliche erotische Ausstrahlung nicht zuletzt von seinen überdimensional großen Riech- und Hörorganen rührt, und der sich im übrigen durch verschiedene Zwangsphobien und eine unerschöpfliche Toleranz im Bereich der individuellen erotischen Vorlieben auszeichnet, seinen sehnsuchtserfüllten Phantasien um Lucrecia freien Lauf. So beinhaltet die auf ihre erotische Dimension reduzierte Welt der Fiktionen und Phantasien schließlich auch den tieferen Sinn des Romans, da sie uns - nach Aussage des Autors - die banale Alltagsrealität zu überwinden hilft und uns zu Göttern im Reich der Imagination und der individuellen "caprichos" werden läßt. Die Grenze zwischen Realität und Fiktion ist hier so meisterhaft aufgelöst, daß man als Leser in den Genuß des ein oder anderen Aha-Erlebnisses kommt. Gegen Ende der 386 Seiten fügen sich die aneinandergereihten Episoden zu einem deutlicher erkennbaren Ganzen, das in ein herrlich klischeehaftes Happyend mündet und damit den spielerischen Charakter des Romans bis zum Ende durchhält. So verläßt man die anhand von etwas zu zahlreichen Meilensteinen der Kunstgeschichte entfaltete Welt der Sinnlichkeit belustigt und zufriedener als in dem etwas zu lang geratenen Mittelteil des Romans, auch wenn man wieder einmal feststellen muß, daß die Werbung, wie so oft, übertrieben hat.

Mario Vargas Llosa: Los cuadernos de Don Rigoberto. Madrid: Alfaguara 1997. 386 págs. 2800 ptas.

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