Der letzte Tango im Revier






Der letzte Tango im Revier

Noch heute wird das Bandonionspiel im Ruhrgebiet gepflegt

von Richard David Precht und Till Unkel

In einer Kneipe in Essen Altendorf erklingen die letzten deutschen Tangos. Mit dabei der unverkennbare Klang des Bandonions. Doch das Bergmannsklavier stirbt aus.

Der schwarze Kasten atmet schwer im roten Licht der Bühne. Hörbar klappern die Tasten, wenn die Finger über die Knöpfe flitzen. Nach und nach dehnt sich das Ding wie eine Raupe über die Knie des Spielers, bis es fast den Boden berührt. Nur die Töne schwingen sich klagend nach oben, strafen die Schwerkraft Lügen. Die Finger allein scheinen zu wissen, wie die süße Schwermut aus ihrem Versteck in dem speckigen Holzkasten herauszulocken ist.

"Dreizehntausend Leute haben hier mal gearbeitet", sagt Karl-Heinz Beckedahl, während er die stillgelegte Zeche Zollverein betritt. Heute ist die Zeche ein Kulturverein und die 'Bandonionfreunde Essen' geben ein Konzert. Mehr als achthundert Bandonionvereine existierten in Deutschland vor dem Krieg. Als die Fördertürme noch das Stadtbild prägten, gab es allein in jeder Stadt des Ruhrgebiets ein gutes dutzend. Das Bandonion gehörte zur Kultur des Reviers wie Schrebergarten und Taubenschlag. Doch mit der Zeit wurden es immer weniger Orchester. Vor zehn Jahren waren es nur noch drei. Heute sind die Musiker aus Essen die letzten.

Mit der Kohle gingen auch der Stolz, die Kameradschaft und die Feierabendmusik. Da ist es schon ein großer Zufall, wenn irgendwo aus Hinterhof oder Gartenlaube noch die vollen Akkorde klingen. "Die waren damals nötig", sagt Beckedahl, "denn der Tod war ständiger Begleiter der Bergleute, wenn sie in den Schacht fuhren. Oben wurde dann um so kräftiger gefeiert."

Vom Los der Bergleute weiß auch der frühere Grubenschlosser Günter Westerhoff zu erzählen. In seinen Texten beschreibt der Schriftsteller, Musiker, Bildhauer und Grafiker das Schicksal der Kumpels, die er als Mitglied der Grubenrettungswehr hat sterben sehen. Und immer wieder spricht er vom Bandonion. " Die meisten erlernten es schon in der Kindheit. Die Anschaffung war schwer. Über Jahre hinweg zahlten die Leute das Instrument ab. Die Männer machten Überstunden, hielten mehr Vieh als gewöhnlich, um die Belastung auszugleichen. Aber war das Bandonion endlich bezahlt, dann gab es selten eine Trennung zwischen ihm und seinem Besitzer. Die Musik gab ihnen Trost, besänftigte den Sonnenhunger, machte das schwere Arbeitsleben erträglicher."

Einmal in der Woche treffen sich die elf letzten 'Musikfreunde', wie sich die Bandonionspieler traditionell nennen, in einer kleinen Gastwirtschaft im Essener Stadtteil Altendorf. Während vorne jüngere Männer am Tresen stehen, der Fernseher läuft und der Zapfhahn, probt im Hinterzimmer die Rentnerband. Streng wacht Dirigent Ferdinand Kisovar, ein gelernter Zither-Spieler, darauf, daß während der Probe kein Getränk bestellt wird. Für ihn ist das Orchester nach dreißig Jahren Arbeit in der Druckerei die letzte Chance, sich ganz der Musik zu widmen. Mit eiserner Disziplin hält Kisovar das Ensemble zusammen, eine klassische Kombination aus Bandonionspielern und Stehgeigern. Deren bester, August Laudin, wurde diesen Sommer dreiundneunzig. Und ohne ihn, der in seiner Jugend noch Stummfilme live begleitet hat, geht in der 'Dechenstube' nichts.

Das Klavier des kleinen Mannes

Um den Nachwuchs ist es schlecht bestellt. Wer heute Musik hören will, drückt den Knopf der Stereo-Anlage. Die ist leichter zu bedienen als die vielen Knöpfe des Bandonions. Das Spielen, erinnern sich die Veteranen in Altendorf, lernte man als Kind vom Vater oder Onkel, nicht etwa auf den Konservatorien, wo die höheren Töchter Klavier spielten.
Das Bandonion war das Klavier des kleinen Mannes, die Orgel für die Zeit nach der Kirche, für Kneipe und Tanzlokal. Vor 150 Jahren brachte der Krefelder Musiklehrer Heinrich Band die ersten Noten für das nach ihm benannte Instrument heraus. Vorbild war ein anderes Handzuginstrument: die Konzertina. Ob Volkslied, Ouvertüre oder Kirchenlied, auf dem in seinem Tonumfang erweiterten Kleinorchester ließ sich nahezu alles spielen. Zur Blüte jedoch kam das Bandonionspiel erst in den 30er Jahren als der Leipziger Walter Pörschmann seine unvergessenen Kompositionen schrieb. Auch heute noch spielen die Essener Pörschmanns Tango Glücksmelodie mit gleicher Inbrunst wie eh und je. Doch nur die wenigsten von ihnen spielen nach Noten. Die meisten benuzten ein System aus Zahlen und Symbolen: die sogenannte "Wäscheleine". Denn das Bandonion folgt einem obskuren System einem schwer durschaubaren musikalischen Gesetz.

Bei Kompositionen, für die es keine Wäscheleine gibt, übersetzt der frühere Metallschlosser Karl Geuting die Noten in Zahlen. Auch er lernte das Instrument von seinem Vater. In der schweren Zeit Anfang der 30er Jahre, erinnert sich Geuting, unterhielt der Vater die Familie durch das Bandonionspiel in Essens Kaffeehäusern, wo man sich vier, fünf Stunden aufhielt, bei einer Tasse Kaffee. Es war die Zeit der Straßenkämpfe zwischen Nazis und Kommunisten. "Wir im Stadtteil Segeroth waren alle rot. Meinen Vater haben sie sogar eingesperrt, weil er vor Kommunisten gespielt hat." In dem zum Studio ausgebauten Keller zeigt Geuting seine Fotalben; auf nahezu jedem Bild sieht man irgendwo ein Bandonion. Hier unten verwahrt der 73jährige auch sein eigenes Instrument, ein Fabrikat von Alfred Arnold aus den dreißiger Jahren.

Überall in der Welt spielen die Virtuosen die legendären Vorkriegsinstrumente aus Carlsfeld im Erzgebrige. Der große Virtuose Añibal Triolo vererbte sein Instrument testamentarisch an Astor Piazzolla. Tristezas de un Doble A sollte seine letzte Tournee heißen. Doch Alfred Arnold baute keine Instrumente mehr. Nach dem Krieg umgewandelt in einen volkeigenen Betrieb, stellten die Carlsfelder zwar weiterhin Bandonions her, doch kaum jemand wollte die Instrumente haben. Mit dem Zweiten Weltkrieg starb die Seele des Bandonions. Kein Instrument, das nach dem Krieg gebaut wurde, hatte jemals wieder den typischen unverwechselbaren Klang.

Argentinien: Das Bandonion brachten die Deutschen mit

In Südamerika, im Exil, klingt die Sehnsucht des Bandonions nach, als Erinnerung an die Zeit, in der es noch selbst den Ton angab, zu dem die Leute sich trafen, in aufgeheizten Stuben und Kellern, zigarrerauchend, mit Kindern dazwischen, die längst ins Bett gehörten. Kinder wie der kleine Dino Saluzzi, 1935 geboren in Campo Santo in der argentischen Provinz Salta. Mit sieben Jahren lernte er das Krefelder Instrument, das er seitdem meisterhaft beherrscht.
Auch heute noch spielen Saluzzi und seine Kollegen Luis di Matteo, Juan José Mosalini, Rodolfo Mederos und Daniel Binelli den Tango. Eine Musik voll Aufruhr, Sex und Gewalt, die zwischen 1880 und 1890 in den Hafenvierteln von Montevideo und Buenos Aires entstand und später nach Pariser Vorbild zum schreitenden Gesellschaftstanz sich emporspreizte und erstarb. Der Tango, sagt Jorge Luis Borges, ist kein kultiviertes Ereignis, er ist paradox, Sentimentalität und Bosheit zufgleich; böse Sanftheit und sentimentale Härte.
Niemand weiß genau, wo die Wurzeln des Tango liegen. Das Bandonion brachten die deutschen Einwanderer mit. Zu dem wenigen, was die Arbeitslosen aus dem Ruhrgebiet und dem Erzgebirge in ihren Koffern hatten, zählte der 'Blasebalg'. In den Kaschemmen der südamerikanischen Vorstädte vermählte sich der heimwehmütige Klagelaut mit dem Rhythmus der neuen Musik. Das Bandonion brauchte den Tango und der Tango das Bandonion.

Ein klassischer Fall von erwiederter Liebe.

Doch der hagere Bandonionspieler in den schwülstigen Spelunken, der in der Phantasie der Europäer lebt - längst ist er aus Südamerika verschwunden. Tango war lange out am La Plata. Die Kids in Montevideo, sagt Luis di Matteo, hören Madonna und sehen MTV. Nicht anders als überall der Welt. In Europa hingegen sorgte das Bandoéon, wie es nun hieß, in den letzten Jahren für Fuore in der Musikwelt. Der große Star dieser Renaissance war Astor Piazzolla. Zum klassischen Kompositionsstudium in Paris, entdeckte er die Wurzeln seiner Heimat wieder und verband sie mit der avancierten Harmonik und Rhythmik der Moderne zum 'Tango Nuevo'.
Wann immer der Argentinier sich in Deutschalnd aufhielt, fuhr er nach Kirchzarten in den Schwarzwald, seine "schwarze Freundin" zu besuchen. Dort steht, in einem kleinen abgedunkelten Raum, neben einem dutzend anderen Schönheiten aus der Geschichte des Bandonions die geliebte Rosario. 380 Instrumente hat der Sammler Konrad Steinhart hier zusammengetragen. Zum Spielen kommt er nicht mehr, seit er sich sein großes Ziel gesetzt hat, die Bandonion-Kultur vor dem Vergessen zu bewahren.

Das Bandonion – ein aussterbendes Instrument?

An das Ende des Bergmannsklaviers will der letzte examinierte Bandonionlehrer Klaus Gutjahr nicht glauben. 'Tango Futur' nennt er programmatisch seine neue Formation. Um sie würde er sich gerne mehr kümmern, aber die Sorge um die Zukunft des Instruments läßt ihm wenig Zeit. Der Berliner ist der letzte in Europa, der die Kunst des Bandonionbaus noch professionell betreibt.
Seine Gemeinde ist ein kritischer Kunde. Jede Änderung gegenüber den traditionellen Modellen wird entschieden abgelehnt. "Ich kann doch nicht Instrumente bauen wie vor 70 Jahren. Wer soll die bezahlen?", fragt Gutjahr, während er lange Zahlenkolonnen in den Computer füttert. Ohne den Einsatz der CNC-Fräse würden die Instrumente unerschwinglich.
Auf dem deutschen und südamerikanischen Markt gibt es für den Verkauf kaum Chancen. Die wenigen Schüler, die sich der schwierigen Aufgabe stellen, Heinrich Bands Quetschkommode zu lernen, finden auch heute noch genug alte Instrumente. Und ofmals sind es die Lehrer selbst, die ihre Bandonions verkaufen. Viele der südamerikanischen Virtuosen bessern so ihre kargen Verdienste auf. Eine solche Zusatzeinnahme haben die Essener Bandonionfreunde nicht nötig. Für den, der sich bereit erklärt, das Bergmannsklavier zu lernen, verleiht Karl Geuting auch schon mal eines seiner eigenen Instrumente. Besonders stolz ist der Rentner auf seine beiden jungen Schülerinnen, die bei ihm in Essen das klassische Männerinstrument lernen.

Hoffnung macht das wiedererwachte Interesse am Tango seit Anfang der achtziger Jahre. "Uno, duo, tres ...sechs, sieben ... No! No, no, no, nooo!" Zehn Augenpaare blicken gespannt auf den wild gestikulierenden Mann. Staccato! Mehr devil ... Iím auk diabolo." Die jungen Leute kommen aus Freiburg, Kassel, Dresden und Essen, um sich drei Tage von dem Mann aus dem fernen Uruguay unterrichten zu lassen. Das kurze Staccato des Tangorhythmus klingt noch zu sanft. Marino Rivero greift zum Bandonion und macht vor, wie es klingen muß.

Ob Marino Rivero, Dino Saluzzi, Juan José Mosalini oder das Sexteto Major - sie alle gastieren für einige Wochen im Jahr im Heimatland ihrer Instrumente. Ein einziges Mal haben sie sich dabei getroffen, die Bandonionfreunde aus Essen und die südamerikanischen Bandoneonistas. Im Herbst 1987 in der Düsseldorfer Tonhalle musizierten sie gemeinsam auf ihren Instrumenten. Und für eine Stunde lagen Ruhrgebiet und La Plata ganz nah beieinander, nah an der platonischen Idee des Tangos, die nach Jorge Luis Borges einen jeden Tanguero im Himmel erwartet.
Dann kehrten sie mit ihren quadratischen Koffern zurück in die Heimat, nach Buenos Aires, Montevideo, Wattenscheid und Essen-Borbeck.

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